Im Inneren des Kaninchenbaus

Politik

Interview mit dem Chef

Interview: Laura Bachmann (10b), Liv Portner (10b), Jasper Strey (8b)

Foto: Laura Bachmann

Nach längerem Hin-und -Her haben wir Ende des vergangenen Halbjahres unseren neuen Schulleiter begrüßen dürfen. Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs ist Thomas Weiss gerade seit drei Wochen als unser Schulleiter im Amt. Die GO-Public hat ihn zu Hause besucht und mit ihm über seine Pläne für das GO, seine Aufgabe als Schulleiter und seine Kaninchen gesprochen.

Thomas Weiss empfängt uns herzlich in seinem Haus, nahe der Schule. Seine Frau stellt sich kurz vor und verschwindet dann schnell. Das Wohnzimmer ist hell und modern eingerichtet. Im IKEA-Stil mit persönlichen Akzenten. Auffällig sind die vielen Fotografien und Gemälde im Wohnzimmer. Vor dem Sofa eine PlayStation – er erzählt uns, dass er mit seinen vier Kindern gerne daran spielt. Thomas Weiss ist Familienmensch, zur Familie gehören auch die drei Kaninchen – die eigentlichen Stars dieses Interviews – und zahlreiche Fische. Wir setzen uns zusammen an den Wohnzimmertisch und beginnen mit dem Interview.

GO-Public: Wie gefällt Ihnen Ihr neues Büro?

Thomas Weiss: Das Büro ist ganz herrlich: Man hat nette Leute um sich herum und das Büro selbst ist schön eingerichtet.

Sie leiten das GO jetzt seit einigen Monaten. Wie ist Ihr Eindruck?

Ich wurde ganz herzlich aufgenommen. Die Aufgaben gefallen mir – ich habe mir das ja auch ausgesucht und ich glaube, ich kann auch etwas mitbringen. Ich freue mich sehr auf die kommende Arbeit, auch auf die vielen Herausforderungen. Ich sehe da ganz viele Möglichkeiten, tätig zu werden.

Sie waren ja zuvor am Gymnasium Lerchenfeld. Warum sind Sie nun ausgerechnet ans GO gewechselt?

Das GO ist eine tolle Mischung. Es gibt hier eine fundierte, fachliche Vielfalt, ein Angebot, das euch, die Schülerinnen und Schüler, abholt und auch sieht. Sei es das Landschulheim auf Föhr oder das Musical, aber auch, dass wir eine Mathenacht gemacht haben. Diese Mischung, diese tiefe Allgemeinbildung, das ist schon ein Wert an sich. Die Schule schafft es, lokal gebunden und verbunden zu sein, verwurzelt in Othmarschen und trotzdem gibt es so ein internationales Klientel. Es wird multikulturell im besten Sinne gedacht.

Was genau macht unsere Schule multikulturell?

Multikulturalität kann erstmal bedeuten, dass alles nebeneinander herläuft. Das tut es für mein Verständnis aber nicht. Man toleriert sich nicht nur, sondern akzeptiert sich. Es funktioniert miteinander. Es ist so eine warme, gute, zugewandte Atmosphäre da. Die ist fürs Lernen ideal, macht aber auch einfach Freude.

Und wie wollen Sie diese bei uns fördern?

Das ist nicht einfach. Erstmal würde ich denken, man braucht eine gute Organisation, um diese Vielfalt nicht zur Belastung werden zu lassen; das kann ja auch ein gegenseitiges Verdrängen sein – das darf nun wirklich nicht passieren. Wenn man den Lehrerinnen und Lehrern und Schülerinnen und Schülern Freiräume gewährt und ihre Leidenschaften unterstützt und das gut organisiert, dann kommt etwas raus, was viele anspricht und gleichzeitig auch fachlich fundiert ist. Es geht nicht nur um „Wir sind bunt“: Man muss immer auch gucken, wie passt es zusammen – und da sehe ich auch meine Aufgabe.

Jede:r Schulleiter:in hat einmal als Lehrer:in angefangen. Warum haben Sie sich entschlossen, Schulleiter zu werden?

An meiner alten Schule war ich ja stellvertretender Schulleiter. Das ganze Organisieren und Planen macht mir große Freude. Mit der Zeit habe ich immer mehr festgestellt, wie gerne ich Schulentwicklung betreibe. Dieses Gefühl hat dann dazu geführt, dass ich gesagt habe „Ich möchte Schulleiter werden“. Diese Entscheidung ist schon etwas früher gefallen, also bevor das GO einen Schulleiter oder eine Schulleiterin suchte; es passte aber ziemlich gut zusammen. Das war ein Glücksfall!

Es freut uns natürlich sehr, dass Ihnen unsere Schule und Gemeinschaft gefallen. Trotzdem gibt es sicher auch etwas, was Sie verändern wollen.

Die Coronapandemie hat unsere Schule sehr belastet. Dazu kommen in den letzten Jahren ja doch auch mehrere Wechsel in der Leitung. Die gute Atmosphäre ist zwar da, aber man merkt, dass sie belastet worden ist. Mein erstes Ziel ist es, dass diese Gemeinschaft wieder Kraft schöpft und wieder enger zusammenrückt. Außerdem kümmere ich mich um den Leitbildprozess.

Was heißt das genau?

Es ist wichtig, dass wir gucken, was ist das GO und wofür steht es? Wofür wollen wir als Gemeinschaft eintreten? Was ist nicht mehr so up-to-date? Den Leitbildprozess möchte ich gerne starten und durch meine Tätigkeit unterstützen, sodass erstmal alle näher zusammenrücken.

Ich möchte da sehr viel Energie reinstecken, das ist ein wichtiges Fundament der Schule.

Ich finde Feedback auch ganz großartig. Das wäre so eine der ersten Sachen, dass man Umfragen macht. Mit diesem Wissen kann man die Schule dann auch in eine Richtung bringen, die für die Gemeinschaft sinnvoll ist.

Hier wird das Interview kurz unterbrochen. Während wir Fotos aufnehmen, hoppeln zwei Kaninchen in den Raum. Thomas Weiss erklärt uns die selbstgebaute „Kaninchenklappe“ in der Terrassentür und stellt uns die beiden vor: „Sie sind schon ein süßer Haufen“.

Ein ganz aktuelles Thema unserer Zeit: Inwiefern wollen Sie die Digitalisierung an unserer Schule voranbringen?

Ich glaube, einfach durch meine Erfahrung an verschiedenen Schulen trage ich zu dem Thema in der einen oder anderen Weise bei. Digitalisierung braucht Zeit. Aber ich glaube, dass das auch ein Thema ist, das sehr positive Effekte haben kann, wenn es richtig angeht.

Wichtig ist aber auch: Medien sollten als Angebot wahrgenommen werden. Ich sehe das nicht als die eine Antwort auf Lernfragen. Ich glaube, Medienvielfalt ist wichtig. Die Kombination von klassischen und neuen Medien ist eine Bereicherung. Digitale Medien sollten sich da organisch integrieren.

Was bedeutet das für die verschiedenen Klassenstufen?

Meines Erachtens wird es eine Herausforderung, dass ihr Schülerinnen und Schüler mit zunehmendem Alter ganz viel Eigenständigkeit im Bereich digitaler Medien kriegen solltet. Bei Fünft- und Sechstklässlern ist es vielleicht noch gut, wenn man sagt: „Jetzt nehmt ihr euer Heft“ und „jetzt nehmt ihr bitte zur Recherche mal das Tablet“. Ich glaube, dass es in der Oberstufe genauso gut und richtig ist zu sagen: Ihr überlegt selbst. Ist das gerade gut, ins Heft zu schreiben oder mache ich das in der Word-Datei oder machen wir eine Kleingruppenaktion. Ich halte das für so wichtig, weil ihr ja medienkompetent werden sollt. Das funktioniert aber nur, wenn ihr das auch dürft.

Das heißt, dass ihr mit der Zeit, so ab Jahrgang acht, neun, zehn, mehr und mehr auch selbst Erfahrungen sammelt. Und Medienkompetenz bedeutet natürlich auch, dass man mal schaut, was ist außerhalb des Unterrichts. Was gibt es da an Chancen wahrzunehmen? Da gibt es ja ganz tolle Dinge: selber Filme drehen oder Radiopodcasts machen.

 Das heißt ganz konkret?

Das GO sollte Technik bereitzustellen und in allen Räumen digitale Projektionsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen. Wir haben ja auch eine ganze Menge Computer, Notebooks und Tablets – aktuell zur Ausleihe und zum Verwenden in einzelnen Unterrichtstunden. Für die Zukunft stelle ich mir vor, dass jeder Schüler neben seinem Buch und einem Heft auch irgendwo ein Tablet liegen hat.

Wie wichtig ist Ihnen Selbstständigkeit der Schüler:innen?

Ich bin ein ganz großer Fan davon, Schülerinnen und Schüler in echte Verantwortung zu bringen. Nicht nur wir-tun-mal-so-als-ob, sondern so richtig. Das Technik-Team beispielsweise: Wenn beim Musical das Licht nicht richtig ist, ist das Team auch verantwortlich. Wenn in der Lehrerkonferenz das Mikrofon gebraucht wird und nicht funktioniert, sind sie auch verantwortlich. Das führt aber auch zu ganz viel Engagement.

Solche Einrichtungen wollen Sie also stärker fördern?

Genau. Da gibt es ganz viele Möglichkeiten. Man könnte zum Beispiel einen Bucheinschlagservice für die Lernbücher aufbauen, eine Schülerfirma, die verschiedene Dinge verkauft. Die Schülervertretung hat mit mir darüber gesprochen, dass ein Schulsanitätsdienst gegründet werden könnte, der für alle möglichen Notfälle gerufen werden kann. Das sind Schülerinnen und Schüler, die dann als Sanitäter:innen für kleinere und größere Notfälle zuständig sind.

Uns ist allerdings aufgefallen, dass viele solcher Angebote, gerade AGs – wie die Schüler:innenzeitung –, kaum wahrgenommen werden. Dass so etwas angeboten wird, ist ja eine Sache, aber wie wollen Sie diese Strukturen populär machen?

Da muss man, glaube ich, unterscheiden. Die älteren Schülerinnen und Schüler haben durch den größeren Umfang an Unterrichtsstunden natürlich schon eine ganze Menge zu tun und von daher finde ich das absolut legitim, wenn sie sich lieber auf das Abitur oder die Überprüfung im Jahrgang 10 fokussieren.

Es gibt aber sicherlich auch Schüler:innen, die so etwas eigentlich gerne wahrnehmen würden.

Ich glaube, das ist auch wieder eine Frage des Feedbacks, dass wir fragen nach: Was wollt ihr gerne machen? Was wäre etwas für euch? Um zu wissen: Wo würde so ein Kurs zustande kommen?

 Nachdem wieder einige Kaninchen hineingekommen sind, stellt Thomas Weiss die Prognose auf, die Kaninchen würden das Interview letztlich dominieren.

Das zweite ist Werbung und das Informieren über die Angebote. Ich sehe, dass ihr etwas anders kommuniziert, auf anderen Wegen, als wir Erwachsene. Also könnte man einen Kanal auf einem sozialen Medium einrichten.

Ein zentrales Anliegen unserer Generation ist der Klimaschutz. Es gibt die Umwelt-AG und mit Malte Renius einen Umweltbeauftragten im Lehrer:innenkollegium. Unsere Schule will sich als Klima- beziehungsweise Umweltschule bewerben. Mit welchen Maßnahmen wollen Sie das umsetzen?

Ich glaube, es wäre völlig unvernünftig, dieses Thema nicht in den Fokus zu nehmen. Die gute Nachricht: Es ist auch ein tolles Unterrichtsthema, da es verschiedene Fächer verbindet. Weil es ganz unterschiedliche Perspektiven auf die Welt, aber auch auf uns selbst ermöglicht. Daher ist es eine traurige Herausforderung, weil die Situation brenzlig ist. Aber es ist auch eine wunderbare Herausforderung, da man alle möglichen wissenschaftlichen und menschlichen Dinge zusammenbringen kann.

Einiges könnte man da vom Gymnasium Lerchenfeld übernehmen. Man könnte zum Beispiel die Mülltrennung voranbringen und Umweltbeauftragte in jeder Klasse und jedem Profil machen, dazu passend einen Umweltrat und diesen mit dem Schülerrat in Kooperation bringen. Sehr schön fand ich auch den Umweltprojekttag, der das Thema für mein Verständnis nochmal sehr deutlich auf den Tisch bringt und für alle verständlich macht. Bisher kann ich allerdings noch nicht sagen, was sich davon genau umsetzen lässt.

Was macht eine:n gute:n Schulleiter:in aus?

Für mich ist ein guter Schulleiter, eine gute Schulleiterin zugewandt, entspannt, wenn es kritisch wird und versucht faire Lösungen zu finden. Er oder sie muss aber auch mal richtig deutlich „Nein“ sagen können. Er oder sie sollte unbedingt kritikfähig, ehrlich und offen sein – das ist für das GO besonders wichtig, weil daher auch diese gute Atmosphäre rührt. Außerdem gehört es zu einem guten Schulleiter oder einer guten Schulleiterin, sachkundig zu sein, Ahnung von Schule und Unterricht zu haben.

Wir haben in den vergangenen fünf Jahren unserer Schulzeit drei verschiedene Schulleiter:innen –Herrn Jany mitgerechnet – kennengelernt, die uns unterschiedlich begegnet sind. Wie stellen Sie sich die Zusammenarbeit mit uns Schüler:innen vor?

Ich wünsche mir eine enge, vertraute und vertrauliche Zusammenarbeit, eine sehr fröhliche, bei der es um die Sache geht, man aber auch lachen kann. Einfach weil man Freude am Prozess hat. Ich möchte versuchen, die richtigen Fragen zu stellen und möchte die unterschiedlichen Stimmen wahrnehmen, die da sind. Ich sehe meine Rolle im Ermöglichen, Lenken und Bahnen bereiten.

Wie verbringen Sie am liebsten Ihre Freizeit, außer mit ihren Haustieren – den Hasen und Fischen –, von denen haben wir ja schon viel gesehen und gehört haben?

Auch wenn meine Haustiere hier sehr präsent sind, steht meine Familie auf Platz eins. Ich mache ganz viel mit meiner Familie, wann immer ich Freizeit habe. Wir sind ein gutes Team, haben viel Freude miteinander. Wir gucken alle gerne Filme, lesen Bücher, wir machen Sport, ich würde uns mal als Reisefamilie bezeichnen, fahren in die Berge, die europäischen Hauptstädte – das macht mich und uns auch aus.

Sie unterrichten neben Mathematik auch Informatik. Expertenfrage: Playstation oder Xbox?

Eigentlich ist mir ein PC immer noch am liebsten.


Bundestagswahl 2021: Was die Parteien wirklich wollen

Sieht so die Angst der FDP (Fabrice Henrici) vor der Links-Partei (hier vertreten durch Cansu Özdemir) aus?

Es ist bald wieder so weit – am Sonntag, den 26. September, finden Bundestagswahlen statt. Die spannende Frage lautet: Wer wird Angela Merkels Amt als Bundeskanzlerin oder Bundeskanzler übernehmen? In einem turbulenten Wahlkampf, dessen Fokus doch eher auf den Skandalen der Spitzenkandidat:innen liegt, sodass die eigentlichen Inhalte der Parteien etwas zu kurz kommen, wollen wir euch die Programme der sechs Bundestagsparteien vorstellen – gegliedert nach vier Themen, die uns als Schüler:innen besonders interessieren: Klimaschutz, Migrationspolitik, Bildung und Familie. Was wollen die Parteien in diesen Bereichen bewirken und wie sollen die Maßnahmen umgesetzt werden?
Die Fotos zeigen die Altonaer Spitzenkandidaten bei der Podiumsdiskussion am 9. September 2021 in unserer P-Aula.

Texte: Liv Portner, Celia Blaase, Laura Bachmann und Luisa Pacchione
Fotos: Hans Stützer


Klimaschutz

Von Luisa Pacchione

Es ist eines der wichtigsten Themen dieser Bundestagswahl. Fridays for Future demonstriert schon seit drei Jahren für einen besseren Klimaschutz. Und nach der Hochwasserkatastrophe in diesem Sommer scheinen auch die letzten Politiker:innen sich der Bedeutung dieses Themas bewusst zu sein. Ob sie es aber wirklich sind oder nur so tun, um Stimmen der Wähler:innen zu bekommen, ist eine andere Frage.

Schauen wir uns die Versprechen der sechs Parteien im Bundestag nun genauer an.

Hier ein kleiner Faktencheck

Die Bundesregierung hat bereits im Mai dieses Jahres ein neues Klimaschutzgesetz beschlossen, nachdem das vorherige Gesetz nach einem Urteil des Verfassungsgerichts die Freiheitsgrundrechte der jüngeren Generationen in der Zukunft nicht gewährleisten könne. In diesem steht unter anderem, dass Deutschland fünf Jahre vor dem ursprünglichen Datum 2050 klimaneutral werden muss.

SPD

Für die Sozialdemokraten soll Strom bis spätestens 2040 vollständig aus erneuerbaren Energien kommen. Dementsprechend liegt der Fokus auf deren Ausbau. Folglich soll auf alle geeigneten Dächer eine Solaranlage gebaut werden. Ihr Ziel ist es, Klimaschutz mit der Ankurbelung der Wirtschaft zu verbinden, und darauf zu achten dass er sozial verträglich bleibt. Die Sozialdemokraten halten ein Tempolimit von 130 km/h für sinnvoll. Die CO2-Bepreisung soll Menschen mit einem niedrigeren Einkommen nicht belasten, indem sozial gerechte Ausgleichsmaßnahmen eingeführt werden. Um die Bevölkerung anzuregen, Elektroautos zu fahren, sollen viele neue Ladesäulen aufgebaut werden. Durch den Ausbau des Schienenverkehrs möchte man die Nutzung von Inlandsflügen reduzieren, aber nicht verbieten.

Viele Klimaaktivist:innen und Expert:innen meinen, dass Klimaneutralität bis 2045 viel zu spät sei. Wie auch die Union leidet die SPD an einem Authentizitätsproblem, da sie schon seit acht Jahren regiert und der Klimaschutz in dieser Zeit vernachlässigt wurde.

CDU

Die Union möchte den Emissionshandel stärken und europaweit ausbauen. Einnahmen sollen durch eine Senkung des Strompreises an die Bürger:innen zurückgegeben werden. Die CDU macht deutlich, dass es bei ihr keinen Klimaschutz geben wird, unter dem die Wirtschaft leiden könnte. Steuerliche Anreize sollen die Bürger:innen dazu motivieren, in klimafreundliche Bereiche zu investieren, z. B. in Klimatechnologien oder in klimafreundliches Bauen. Der steigende Energiebedarf soll durch den Ausbau der erneuerbaren Energie gedeckt werden. Im Wahlprogramm lehnen sie Verbote wie das Diesel-Fahrverbot sowie ein generelles Tempolimit auf der Autobahn ab.

An dem Programm hagelt es Kritik. Luisa Neubauer spottete: „Dieses Parteiprogramm ist eine 139-Seiten-lange Weigerung, uns vor der Klimakrise zu schützen und das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten“.

Bündnis 90/Die Grünen

Mit einem Klimaschutz-Sofortprogramm wollen die Grünen den Ausbau von erneuerbaren Energien wirksamer und effizienter fördern. Für sie gehört auch ein Verbot von Verbrennungsmotoren ab den Jahr 2030 sowie ein Tempolimit auf Autobahnen dazu.

Außerdem soll der CO2-Preis 2023 um 35 Euro pro Tonne erhöht werden und somit bei 60 Euro liegen. Die Einnahmen wollen die Grünen dann als „Energiegeld” pro Kopf an die Menschen zurückzahlen. Unabhängig vom Einkommen soll jede oder jeder 75 Euro bekommen.

Die Grünen wollen, dass bis 2030 70% weniger CO2-Emissionen anfallen, dies sind aber nur 5% mehr als in dem bereits beschlossenen Klimaschutzgesetz der Bundesregierung festgelegt worden ist.

Carla Reemtsma (Fridays for Future) sieht folgendes Problem: „Dass selbst die größte grüne Partei der Welt keinen Plan hat, die 1,5-Grad-Grenze einzuhalten, ist verheerend”. Als einzige Partei wollen die Grünen aber ein Klimaministerium einführen, das Gesetzespläne blockieren kann, wenn diese nicht mit dem Pariser Klimaabkommen übereinstimmen.

FDP

Beim Klimaschutz setzt die FDP auf die Kraft des freien Marktes. Sie ist gegen ein Tempolimit und gegen ein Verbot des Verbrennungsmotors. Ein geringerer CO2-Ausstoß soll durch den EU-Emissionshandel erreicht werden. Die Politik würde dann entscheiden, wie viel CO2 ein Land im Jahr ausstoßen darf. Wer CO2 ausstoßen möchte, muss Zertifikate kaufen. Wenn das Limit erreicht ist, sind die Zertifikate auch alle verkauft. Wer viel ausstößt, zahlt viel Geld und wer CO2 spart, kann die Zertifikate wieder verkaufen. Die Zertifikate werden jedes Jahr teurer und Firmen sind dann verpflichtet, mehr in klimafreundliche Technologien zu investieren.

Damit sich dann nicht nur reiche Menschen das Autofahren leisten können, soll ein Teil des verdienten Geldes als „Klimadividende” an die Bürger:innen zurückgegeben werden.

Beim Klimaschutz bestätigt sich das Klischee der FDP: „Der Markt regelt alles” oder zumindest sehr Vieles. Viele Kritiker:innen sind der Meinung, dass der Emissionshandel viel zu lange Zeit bräuchte, bis er effektiv zum Klimaschutz beitragen könnte.

Die Linke

Die Linke wirbt mit dem größten Tempo beim Klimaschutz. Fünf Jahre vor den Grünen wollen sie klimaneutral sein. Sozialgerechten Klimaschutz zu gewährleisten, ist ihnen dabei besonders wichtig. Z. B. soll der Strompreis bezahlbar bleiben und der ÖPNV soll für alle gratis sein. Ab 2030 sollen Verbrennungsmotoren nicht mehr zugelassen werden. Der Ausbau von Autobahnen soll gestoppt werden und Kurzstreckenflüge unter 500 Kilometern verboten werden. Eine CO2-Preiserhöhung soll es aber nicht geben, da dies einkommensschwache Personen zu sehr belasten würde.

Im Gegensatz zur FDP finden sie, dass der Markt nicht viele Klimaprobleme lösen kann. Anstatt eines Emissionshandels wollen sie Konzernen klare Vorgaben machen.

Die Linke hat einen sehr hohen Anspruch und legt einen konsequenten und sozial gerechten Klimaschutzplan vor.

Nur mit klaren Vorgaben des Staates kann das Klima geschützt werden, glauben sie. Die Linke ist der Meinung „Der Klimawandel wird nicht von den Menschen gemacht, sondern von den Reichen”, weshalb sie auch höhere Vermögenssteuern fordern. Dieses Geld soll dann fürs Klima eingesetzt werden.

AfD

Die AfD zweifelt den menschengemachten Klimawandel an und findet, dass sich die Bevölkerung an die Klimaveränderungen anpassen sollte. Man sollte nicht versuchen, die Klimakrise zu bekämpfen. Sie lehnen das Ziel der Klimaneutralität ab, denn sie fürchten, dass durch den damit verbundenen Umbau der Wirtschaft eine Einschränkung der Freiheit einhergehe. Folglich soll das Pariser Klimaabkommen gekündigt werden und der Klimaschutzplan der Bundesregierung aufgegeben werden. Die CO2-Steuer soll abgeschafft werden, der Ausbau von erneuerbaren Energien limitiert werden und bei der Energiegewinnung soll weiterhin auf Kohlekraft und Erdgas gesetzt werden. Die Atomkraftwerke sollen noch so lange in Betrieb bleiben, wie es technisch und ökonomisch sinnvoll ist. Sie sind gegen innerstädtische Diesel-Fahrverbote, ein Tempolimit lehnen sie auch ab.

Hierzu muss nicht viel gesagt werden: Wer immer noch alle Berichte und Prognosen von Klimawissenschaftler:innen anzweifelt, hat mit dieser die richtige Partei gefunden.


Migration

Von Celia Blaase

Zuwanderung ist ein Thema, das die Menschen schon lange beschäftigt. Spätestens seit 2015 ist es in allen Köpfen präsent. Krieg, Dürre, politische Verfolgung und wirtschaftliche Not sind häufige Fluchtgründe, die Menschen auf eine lange und unfreiwillige Reise schicken – in eine hoffentlich bessere Zukunft. Viele der Flüchtenden haben Deutschland als Ziel. Doch wie wollen die großen Parteien mit diesen Menschen umgehen?

Marcus Weinberg – Spitzenkandidat der CDU – ist ganz digital unterwegs: Ob sich das wohl auch in seiner Politik widerspiegelt?

SPD

Mit legalen Migrationswegen versucht die SPD einen besseren Weg in die EU zu ermöglichen. Auch soll die Ursachenbekämpfung gestärkt werden. So will die SPD das EU-Asylrecht erneuern und Flüchtenden eine humane Integration ermöglichen. Neue Migrant:innen sollen ein Recht auf Immigrations- und Sprachkurse haben. Kinder sollen die Möglichkeit bekommen, eine Kita oder Schule zu besuchen – unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit. Mehreren Staaten anzugehören, soll ein modernes Staatsangehörigkeitsrecht ermöglichen. Die Sozialdemokraten wollen den Familiennachzug erleichtern und Zwangs-Abschiebungen in gefährliche Länder verbieten. Darüber hinaus will die SPD auf eine solidarische Asylpolitik in der EU drängen.

CDU

Die CDU sieht eine geordnete Zuwanderung vor. Dabei sollen die Zahlen der Zuwanderer:innen gesenkt werden. Durch ein neues Konzept der „kleinen“ sichereren Herkunftsländer will die CDU Abschiebungen erleichtern. Die Partei möchte das europäische Asylsystem reformieren und da eingreifen, wo sie die Ursachen für Zuwanderung sieht. Dabei hoffen sie, Kosten und Lasten fair auf die ganze EU verteilen zu können.
Auch setzt die CDU auf die eigenständige Bereitschaft der Geflüchteten, sich selbst zu integrieren. Besonderen Wert legt sie auf den Spracherwerb. Die Erweiterung des Familiennachzugs lehnt die CDU ab.

Im Allgemeinen bekennt sich die CDU zum Asylrecht und zur Genfer Flüchtlingskonvention und sieht die Verpflichtung Deutschlands, human zu handeln.

Bündnis 90/Die Grünen

Lager und Transitzonen lehnen Bündnis 90/Die Grünen ab. Eine spezielle Agentur, die von der EU geführt wird, soll Aufnahme- und Mitgliedstaat auswählen, indem das Asylverfahren ausgeübt wird. Flucht sieht die Partei als gemeinschaftliches EU-Problem. Daher soll es gemeinsam gesicherte und sicher übertretbare Grenzen geben. Fluchtabwehr soll vermieden werden, daher wird auch Frontex unter parlamentarische Aufsicht gestellt. Familien- und Geschwisternachzug wollen die Grünen barrierefrei machen. Jeder, der neu ins Land kommt, soll Zugang zu Sprach- und Integrationskursen erhalten. Kinder sollen Kitas und Schulen besuchen dürfen. Wer fünf Jahre in Deutschland lebt, soll die Chance haben, eingebürgert zu werden. Babys, deren Eltern rechtmäßig in Deutschland leben, erhalten die deutsche Staatsbürgerschaft.

FDP

Für die FDP ist das Grundgesetz unantastbar, so auch das Grundrecht auf Asyl. Zwischen politisch Verfolgten, Zuwanderern und Kriegsflüchtlingen will die FDP unterscheiden. So sollen (Bürger-)Kriegsflüchtlingen schnell und unbürokratisch geschützt werden. Dabei soll Immigration ein EU-weites Thema sein und alle Schutzsuchenden werden auf alle EU-Länder gleichmäßig verteilt. Um illegale Migration zu verhindern, möchte die FDP das umstrittene Frontex-Programm unterstützen. Für eingewanderte Fachkräfte schafft die FDP eine „Blue-Card“, da Deutschland ein Einwanderungsland ist und bleibt. Schutzsuchende sollen erleichtert Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten.

Im Bereich Integration sollen Sprach- und Integrationskurse angeboten werden. Diese sind kostenlos und sollen breitflächig verteilt werden. Mehrstaatlichkeit toleriert die FDP. Nach vier Jahren wird der Zugang zur Staatsangehörigkeit vereinfacht. Abgelehnte Asylanten werden konsequent abgeschoben.

Die Linke

Die Linke kündigt Einwanderung als großes, EU-weites und soziales Projekt an. Für Armuts-, Klima- und Umweltflüchtlinge sollen dieselben verbindlichen Flüchtlingsrechte gelten wie für Kriegsflüchtende. Frontex und der Flüchtlingsdeal mit der Türkei sollen aufgelöst werden. Familiennachzug soll uneingeschränkt ablaufen.

Mit einem Bundesministerium für Migration und Partizipation strebt die Linkspartei eine solidarische Einwanderungsgesellschaft an. Bildung, Gesundheitsversorgung, Schutz vor Ausbeutung sowie Legalisierungsmöglichkeiten sollen Menschen ohne Aufenthaltsstatus gestellt werden. Kostenlose Sprachkurse sollen Geflüchteten geboten werden, auch fordert die Linke eine Anerkennung für ausländische Qualifikationen. Anstatt in Sammelunterkünften, sollen Geflüchtete in Wohnungen unterkommen, zudem sollen sie Geld erhalten, keine Sachleistungen.

Jeder, der in Deutschland geboren wird, bekommt automatisch die deutsche Staatsangehörigkeit. Eine Mehrstaatenangehörigkeit soll möglich sein. Ein Rechtsanspruch auf Einbürgerung soll für jeden gelten, der länger als fünf Jahre in Deutschland lebt.

AfD

Mit der „Abschiebeoffensive“ möchte die AfD eine schnelle Abschiebung garantieren. Geflüchtete sollen direkt an der Grenze abgewiesen werden können. Jedem der straffällig wird, droht die Abschiebung. Nur noch besonders Schutzbedürftigen will die AfD Asyl gewähren. Von denen verringert sich die Zahl aber auch, da die AfD die Liste der sicheren Herkunftsländer erweitern möchte. Familiennachzug soll es keinen geben. Arbeitserlaubnis wird nur an anerkannte Asylbewerber vergeben.

Bei der Einwanderung in Deutschland sieht die AfD die Zuwanderer in der Pflicht, die Sprache zu erlernen. Auch will sie ein generelles Kopftuchverbot verhängen. Was das Staatsangehörigkeitsrecht angeht, möchte die AfD zurück zum Abstammungsprinzip: Wer in Deutschland geboren wird, soll nicht automatisch eine deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Zusammengefasst versucht die AfD Asyl und Migration zu verringern und dies auf nationaler Ebene regeln.

Der ehemalige Schulleiter Dietmar Wagner (AfD) positioniert sich deutlich am rechten Rand.


Bildung

Von Laura Bachmann

Bildung – ein wichtigeres Thema kann es für uns Schüler:innen kaum geben. Unser Alltag kann sich entsprechend der Machtverschiebung in der kommenden Bundestagswahl deutlich verändern. Die Parteien haben ganz unterschiedliche Vorstellungen von guter Bildung. Auch spielt viel Neues in diesen Themenbereich mit hinein, etwa die Digitalisierung, die durch die Coronapandemie eine größere Bedeutung erlangt hat.

SPD

Die SPD will Bildungsgerechtigkeit erreichen. Sie entwickelte darum das Konzept der Kindergrundsicherung. Dies bedeutet einerseits, dass ein neues Kindergeld ausgezahlt wird, andererseits, dass eine Infrastruktur für mehr Teilhabe etabliert wird (z. B. kostenloser ÖPNV). Außerdem werden das Mitspracherecht der Jugend und die Digitalisierung in den Fokus gerückt. Das Wahlalter soll auf 16 gesenkt, Jugendparlamente und Jugendringe finanziert werden. Es soll in eine länderübergreifende Open-Source-Plattform investiert werden; für Schüler:innen soll es einen Rechtsanspruch auf ein digitales Endgerät geben.

Die Schüler:innenzeitung meint: Die SPD hat sich viel vorgenommen und wirkt motiviert genug, um all das in den nächsten vier Jahren anzupacken. Die SPD ist die einzige der ausgewählten Parteien, die sich so stark für die Mitbestimmung der Jugend einsetzt.

CDU

„Aufstieg durch Bildung“ lautet die Überschrift des entsprechenden Artikels des Wahlprogramms der CDU. Um gleiche Bildungschancen zu gewährleisten, sollen Schulen in „sozial schwierigen Lagen“ besonders gefördert werden. Gerade die coronabedingten (psychischen und lernfortschrittlichen) Folgen sollen durch Unterstützungsprogramme ausgeglichen werden. Digitale Kompetenzen an Schulen sind Voraussetzung für eine geplante digitale „bundesweite und europäisch anschlussfähige“ Bildungsplattform, die sich an alle Lernwilligen richtet. Zudem will man akademische und berufliche Bildung als gleichwertig einstufen. Das BAföG soll auch für ältere Menschen verfügbar werden.

Die Schüler:innenzeitung meint: Häufig unkonkret bezüglich der genauen Maßnahmen beschreibt die CDU eine Art Best-of der anderen Parteiprogramme und vielfach Ideen, deren Umsetzung schon nach der letzten Wahl möglich gewesen wären. Wirklich ambitioniert klingt das nicht.

Bündnis 90/Die Grünen

Auch die Grünen wollen Nachteile von Nichtakademikerkindern ausgleichen. Dafür wollen sie beispielsweise Programme für Schulen in benachteiligten Regionen starten und einen Rechtsanspruch für Grundschulkinder auf Ganztagsbetreuung und -bildung einrichten. An den entsprechenden Ausbaukosten soll sich der Bund beteiligen. Außerdem sollen Laptop und Tablet selbstverständliche Lernmittel werden und sichere Videokonferenzsysteme gefördert werden; kurz: Der Digitalpakt soll weiterentwickelt und vorangetrieben werden.

Perspektivisch soll es eine Ausbildungsgarantie sowie eine Mindestausbildungsvergütung geben. Berufliche und akademische Bildung sollten gleich viel wert sein

BAföG soll perspektivisch elternunabhängig gezahlt und von einem Weiterbildungs-BAföG ergänzt werden.

Die Schüler:innenzeitung meint: Teilweise etwas unkonkret, trotz vieler guter Ideen. Eine Ausbildungsgarantie ist ein guter Ansatz, um Ausbildungen attraktiver zu machen.

Der SPD-Direktkandidat für Altona, Dr. Matthias Bartke, musste ab und zu die Füße hochlegen.

FDP

Die FDP beabsichtigt zusätzlich 1% des Mehrwertsteuereinkommens in Bildung zu investieren – etwa 2,5 Milliarden Euro. Dies soll in eine Modernisierung des Bildungssystems fließen. Wichtig sind der FDP im Bildungsbereich eine Reform des Bildungsföderalismus per Grundgesetzänderung (damit z. B. vereinheitlichte Abschlussprüfungen möglich sind), mehr Autorität der Schulen für individuelleren Unterricht, Attraktivmachen des Berufs des/r „Lehrers:in“ (z. B. durch höhere Bezahlung) und mehr Inklusion.

Die FDP fordert einen „Digitalpakt 2.0“, der bessere Technik sowie Schulungen enthält. Damit soll das Angebot von digitalem Unterricht zu Hause dem Präsenzunterricht gleichgestellt werden. BAföG soll elternunabhängig ergänzt werden.

Die Schüler:innenzeitung meint: Diese wichtigen Impulse könnten Weichen stellen. Auffällig: Die FDP ist die einzige Partei, die den ersten Digitalpakt als gescheitert ansieht. Wir finden: Mit besserer Verwaltung ist der erste noch zu retten.

 

Die Linke

Die Linke findet, dass Bildung soziale Ungerechtigkeit entschärfen, statt verstärken soll. Sie will also durch Kostenübernahme der wichtigsten Bedürfnisse von Schüler:innen Bildungsgerechtigkeit ermöglichen (kostenlose Schulverpflegung und kostenloses HVV-Ticket) und fordert mehr Inklusion und individuelle Förderung. Der Bildungsföderalismus soll abgeschafft, Schulen saniert werden. Die Digitalisierung will man weiterbringen. Auszubildende sollen mehr Rechte bekommen und automatisch nach Ausbildungsende übernommen werden müssen. Das BAföG soll rückzahlungsfrei, elternunabhängig und bedarfsgerecht werden.

Die Schüler:innenzeitung meint: Der Fokus liegt vor allem auf der Ausbildung: Hier will die Linke Vieles reformieren, auch um die Vielfalt der Berufe zu stärken. Die für uns unmittelbar entscheidende Digitalisierung scheint allerdings weniger ihr Herzensthema zu sein. Den Bildungsföderalismus abzuschaffen ist unrealistisch, das wurde in der Vergangenheit bereits oft versucht.

 

AfD

Aus dem Zuwachs von Abiturient:innen schließt die AfD eine „Absenkung des Niveaus“, wodurch die Schulabgänger:innen zunehmend inkompetenter würden. Inklusion soll abgeschafft werden. Digitalisierung soll fast nur in dem Fach Informatik ab der fünften Klasse stattfinden. Die AfD setzt sich für die Vermittlung „deutschen Kulturguts“ als Teil der „deutschen Identität“ im Unterricht ein, um „Heimatliebe und Tradition“ zu vermitteln. Unterbunden werden soll stattdessen der Islamunterricht. Auch sollen Muslim:innen keine „Sonderrechte“ an Schulen (etwa im Schwimmunterricht) erhalten, um die Bildung von „Parallelgesellschaften“ zu unterbinden. Magisterabschlüsse und Diplome sollen wieder eingeführt werden.

Die Schüler:innenzeitung meint: Aus den Aussagen der AfD sprechen tiefer Rassismus und Diskriminierung und eine sehr nationalistische Sichtweise. Wer Inklusion abschaffen will, ist noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen.


Familie

Von Liv Portner

Familienpolitik ist für alle Parteien ein Kernthema im Wahlprogramm. Und in diesem Zweig der Politik hat sich in den letzten Jahren viel getan: So werden beispielsweise Themen wie Mehrelternschaften, Regenbogenfamilien oder ungleiche Bezahlung der Elternteile kontrovers im Bundestag diskutiert.

Das Bild von Linda Heitmann ist verschwommen: Die Vertreterin der Grünen hatte noch einen wichtigen Termin

SPD

Für die SPD bedeutet Familie nicht nur das klassische Ehe-Modell. Die Vielfältigkeit soll aktiv im Wahlprogramm gefördert werden. Für die Unterstützung von Familien und Alleinerziehenden ist ein Vier-Säulen-Modell für mehr Familienzeit geplant. Dieses beinhaltet die bezahlte Elternschaft bis zu zwei Wochen nach der Geburt sowie das ElterngeldPlus, das zu einer geförderten Elternzeit ausgebaut werden soll. Außerdem fordern die Sozialdemokat:innen die pandemiebedingte Verdopplung der Kinderkrankentage beizubehalten.

Die neue Kindergrundsicherung soll eingeführt werden und das Kindergeld nach dem Einkommen der Eltern gestaffelt werden.

CDU

Die CDU bezeichnet Familien als Fundament der Gesellschaft und darum ihre Familienpolitik als „Herzensanliegen“ der Partei. Immer wieder wirbt sie mit Deutschland als Familien-Land. Im Wahlprogramm stehen einige konkrete Maßnahmen, wie die Union den Arbeitsmarkt familiengerechter machen will. Beispielsweise soll das Elterngeld weiter gestärkt werden und die Partnermonate von 14 auf 16 Monate verlängert werden. Generell soll staatliche finanzielle Unterstützung automatischer, digitaler und gebündelter abrufbar sein.

Die Christdemokrat:innen setzen auf „Respekt statt Bevormundung“: Die Familiengestaltung soll allen Familien selbst überlassen bleiben. Trotzdem fehlen im Wahlprogramm konkrete Maßnahmen gegen homo- und transphobe Hasskriminalität, obwohl die CDU in diesem Wahlkampf voll auf das Thema Innere Sicherheit setzt.

Bündnis 90/Die Grünen

Die vielfältigen Familienformen sollen durch ein modernes Familienrecht abgebildet werden und Kinderrechte sollen im Grundgesetz gestärkt werden. Die Grünen unterstützen soziale Elternschaft und Mehrelternschaft und wollen zur Stärkung dieser Lebensformen das „kleine Sorgerecht“ weiterentwickeln, also die Bevollmächtigung für nicht leibliche Eltern, Entscheidungen für das Kind zu treffen. Eine weitere konkrete Maßnahme ist das Zusammenfassen verschiedener Unterstützungsgelder, wie Kindergeld, Kinderfreibeträge und Kinderzuschlag in eine Kindergrundsicherung. Jedes Kind soll einen Garantie-Betrag erhalten, wobei Kinder von Eltern mit niedrigem Einkommen einen GarantiePlus-Betrag erhalten würden.

Auch soll für den zweiten Elternteil nach der Geburt eines Kindes neben dem Mutterschutz zusätzlich eine 14-tägige Freistellung ermöglicht werden. Die Grünen wollen den Anspruch auf Kinderkrankengeld auf 15 Tage im Jahr pro Kind und Elternteil erhöhen – bei Alleinerziehenden auf 30 Tage.

FDP

Familie ist für die FDP überall dort, wo Menschen dauerhaft Verantwortung füreinander übernehmen. Neben der Ehe will die Partei auch Verantwortungsgemeinschaften gesetzlich verankern, als neue Form gegenseitiger Absicherung. Mehrelternschaften will sie rechtlich anerkennen und das Adoptionsrecht ausweiten. Außerdem soll zukünftig ein digitales Kinderchancengeld ausgezahlt werden und der Freibetrag für Kinder und Auszubildende soll erhöht werden. Für Alleinerziehende soll der Betrag zusätzlich erhöht werden. Weitere Schritte zur Entlastung für Familien sind die steuerliche Förderung von Betriebskindergärten und die Verlängerung der aktuell zwei Partnermonate auf drei Partnermonate.

In Hinblick auf den Umgang mit LGBTQ+ setzt die FDP auf den Grundsatz der Selbstbestimmung. Auch das Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche will die Partei gänzlich abschaffen. Laut einem Wahlprüfstein des Lesben- und Schwulenverbands (LSDV) schneidet die Partei als drittbeste hinter den Grünen und Linken ab.

Die Linke

Die Linke fordert die rechtliche Gleichstellung aller Lebensformen (unabhängig von Herkunft, sexueller und geschlechtlicher Orientierung). Dafür soll das Wahlverwandtschaftsrecht eingeführt werden und das Abstimmungsrecht reformiert werden. Das heißt, dass nicht nur Ehepaare geschützt und gefördert werden, sondern generell Menschen, die mit Kindern leben.

Die Linke will einen selbstbestimmten Geschlechtseintrag für alle Menschen. Schwangerschaftsabbrüche sollen grundsätzlich legalisiert werden. Der Elterngeldanspruch soll auf 12 Monate pro Elternteil erhöht werden (das wäre fast doppelt so lang wie heute). Darüber hinaus soll ein Kündigungsschutz für Eltern von Kindern bis zum 6. Lebensjahr eingeführt werden. Außerdem sollen die Kinderkrankentage grundsätzlich erhöht werden.

AfD

Die AfD setzt auf das traditionelle Familienbild von Vater, Mutter, Kind. Im Wahlprogramm bezeichnet die AfD die aktuelle Situation als „demografische Katastrophe“ und befürchtet einen Zusammenbruch des sozialen Sicherheitssystems und der kulturellen Identität. Die demografische Krise soll durch eine „geburtsfördernde Familienpolitik“ bekämpft werden.

Familien sollen weiterhin durch ein steuerliches Familiensplitting unterstützt werden, Kinderfreibeträge sollen steigen. Auch sollen finanzielle Ausgaben für Kinder ab sofort vollständig steuerlich absetzbar sein. Die AfD plant außerdem die Einführung eines Betreuungsgeldes für Eltern von Kindern bis drei Jahren – gestaffelt nach dem durchschnittlichen Nettolohn der Eltern. Die AfD will das Kindergeld beibehalten, aber Möglichkeiten zum Missbrauch der Unterstützung möglichst unterbinden. Der Wiedereinstieg für Eltern nach der Babypause will die AfD vereinfachen: durch eine Lohnsubventionierung, die von der Anzahl der Kinder abhängig ist und an die Arbeitgeber gezahlt werden.

Die AfD setzt außerdem darauf, dass die Hürden für Schwangerschaftsabbrüche erhöht werden, und will die Geschlechtsumwandlung bei Kindern und Jugendlichen gänzlich verbieten.



Die riskante Reise

Politik

Eine Geschichte nach einer wahren Begebenheit

Protokoll einer Reise nach Deutschland

Ein Protokoll von Enes Tavsan (7b)

Ich bin Schüler des Gymnasium Othmarschen und kenne es nicht, mit geflüchteten Kindern auf einer Schule zu sein. Aber es gibt viele Zuwanderer aus den Kriegsgebieten in Hamburg und wir leben mit ihnen in einer Stadt. Durch einen Zufall lernte ich den Arbeitskollegen meines Vaters kennen und erfuhr von seiner Fluchtgeschichte. Mich hat diese Geschichte sehr beeindruckt und nachdenklich gemacht.

Ahmed und ich – nach dem bewegenden Interview, das ich mit ihm führen durfte

Es ist Herbst 2015, ich bin Ahmed, 26 Jahre alt und erzähle meine Geschichte, wie ich mich dazu entschieden habe, Irak zu verlassen und mich auf eine unbestimmte Reise mit ungeahnten Risiken nach Deutschland begeben habe.

Es war keine leichte Entscheidung für mich und meine Familie. Aber ich hatte Träume und Wünsche und Ziele, die ich verwirklichen wollte. Denn ich hatte mir mein Leben anders vorgestellt, als das, was ich zu diesem Zeitpunkt alles erlebt hatte. Außerdem wollte ich meine Familie aus dieser Situation befreien, ihnen ein besseres Leben bieten. Meinen Vater verlor ich schon mit elf Jahren, er ist an Krebs verstorben. Das Leben erschwerte uns diese Situation erheblich. Denn er war derjenige, der uns ernährte und versorgte.

Ich lebte mit meiner Mutter und meinen beiden Geschwistern zusammen in einer kleinen Wohnung in Diyala. Es herrschte ein erbarmungsloser Krieg in unserem Land. Keiner konnte richtig arbeiten und die Kinder konnten nicht zur Schule gehen – es war nichts mehr möglich. Es starben täglich unzählige Menschen, unschuldige Kinder mussten ihr Leben lassen. Der Anblick der zerstörten Häuser und Familien, die grausamen Nachrichten überall, die Angst, dass in jedem Moment etwas Schlimmes passieren würde, waren unerträglich.

Plötzlich ergab sich die Situation, dass ich eine der wichtigsten Entscheidungen in meinem Leben treffen musste. In Wirklichkeit hatte ich nicht viel Zeit darüber nachzudenken. Ich musste schnell handeln und meine Chance ergreifen, denn vielleicht hätte ich nie wieder die Gelegenheit bekommen, etwas in meinem Leben und dem meiner Familie verändern zu können. Was alles geschah und was alles passierte, hätte ich nie zu träumen gewagt.

Ich recherchierte im Internet nach den sogenannten „Schleppern“, das sind Leute, die für Geld die Menschen aus ihren Herkunftsländern in andere Länder bringen. Die Suche war nicht so einfach, denn es ist ja etwas Illegales. Nach langer Recherche hatte ich endlich einen Kontakt auf Facebook gefunden: Es war ein Iraker, der in der Türkei lebte und diese illegalen Geschäfte machte. Er hieß „Jafer“. Nach einigen Telefonaten einigten wir uns auf den Preis und den Ablauf. Ich hatte etwas Geld aus kleinen Tätigkeiten gespart und den Rest hatte ich mir von Verwandten und Freunden geliehen. Keiner wusste bis dahin Bescheid über meine geheimen Pläne. Beim letzten Telefonat einigten wir uns auf den Tag, an dem wir uns in Istanbul im Taksim-Viertel treffen würden.

Mit gemischten Gefühlen bereitete ich meine angstvolle, aber auch hoffnungsvolle Reise vor. Wie sollte ich es jetzt bloß meiner Mutter erzählen? Am Abend vor der Abreise nahm ich meinen ganzen Mut zusammen, setzte mich zu meiner Mutter ans Bett und erzählte ihr mit zittriger Stimme von meinem Fluchtplan. Sie bekam sofort glasige Augen, weinte und umarmte mich ganz fest. „Ahmed, ich möchte nicht, dass du gehst, ich habe Angst!“, sagt sie mit einer besorgten Stimme. Doch ich versicherte ihr, dass dies die beste Lösung sei, um sie und die beiden Geschwister zu retten.

Wenige Stunden blieben mir, bis ich mich auf den Weg machen musste. „Du darfst nur das Nötigste mitnehmen!“, sagte Jafer. Die letzten gemeinsamen Momente mit meiner Mutter verliefen sehr emotional und sehr traurig. Der Abschied war herzzerreißend. Meine Mutter stand da, als sie mich verabschiedete – ihre Augen rot verweint, ihre Arme und ihr Kopf gesenkt, ihre Blicke sagten: „Leb wohl und pass auf dich auf, mein Sohn!“ Sprachlos und wie versteinert standen meine Geschwister hinter ihr, sie realisierten es noch nicht so richtig, dass ich jetzt wirklich ging. Mir brach es das Herz, meine Mutter und meine Geschwister so zu sehen, ich bekam kaum Luft, mein Körper war eiskalt, ich spürte meine Knie nicht, meine Füße gingen irgendwie rückwärts statt vorwärts, aber ich ließ es mir nicht anmerken, damit sie nicht noch trauriger wurden, ich musste es tun: für uns alle!

Es war der späte Abend des 15. September 2015, als ich von zu Hause in den Bus am Bahnhof Diyala stieg. Ich sah mich noch ein letztes Mal um und fiel in eine tiefe Betrübnis. Allein der Gedanke, dass ich meine Familie vielleicht das letzte Mal gesehen hätte, drehte mir den Magen um.

Die Reise begann in Richtung Istanbul. Ich war 20 Jahre alt und machte mich auf eine gefährliche Reise. Ich saß mit einem komischen Bauchgefühl im Bus am Fenster und wusste nicht genau, was nun auf mich zukommen würde. Ich betete zu Gott, dass alles gut verlaufen soll. Da es später Abend war und der Ausblick aus dem Fenster sehr dunkel war, blieb mir nichts anderes übrig als zu schlafen. Nach 24 Stunden anstrengender Fahrt kam ich bei Dunkelheit und starkem Regen in Taksim, Istanbul an.

Mit einem unbestimmten Gefühl stieg ich aus dem Bus, denn bis hier hin war alles noch harmlos. Jafer hatte wie abgemacht auf mich gewartet. Ich hatte nur eine kleine Tasche bei mir. Wir begrüßten uns kurz und gingen gleich ins nahegelegene Hotel, das Jafer bereits für mich gebucht hatte. In der Lobby unterhielten wir uns über die Einzelheiten der weiteren Reise und darüber, dass es als Nächstes mit dem Boot weiterginge. Doch mit einem besorgten Gesichtsausdruck teilte Jafer mir mit: „Aufgrund des schlechten Wetters kannst du leider nicht gleich morgen aufbrechen, Ahmed. Das Boot würde bei so hohem Wellengang untergehen, das ist viel zu riskant! Wir müssen solange warten, bis sich die Wetterlage verbessert hat.“ Mir blieb nichts anderes übrig, als dies zu akzeptieren. Im Anschluss an das Gespräch gab ich ihm das vereinbarte Geld. Jafer verabschiedete sich und sagte, dass er sich melden würde, wenn es soweit sei. Tage vergingen und ich irrte durch die Straßen Istanbuls, ich wartete auf Jafers Anruf.

Der Aufbruch: Ahmed am Strand von Izmir

Am 26. September 2015 kam Jafer direkt ins Hotel und teilte mir mit, dass es nun weitergehe. Er begleitete mich im Bus von Istanbul nach Izmir, wo das Boot bereits auf mich wartete. Er versicherte mir auf dem Weg dahin, dass wir nur zwölf Personen insgesamt auf dem Boot wären. Doch in der Bucht angekommen, fing das Horrorszenario schon an. Ich glaubte meinen Augen kaum, es gab fünf Boote und eine Horde von Menschen. Ich fragte ihn wütend: „Ich dachte es wären nur zwölf Leute pro Boot?“ Jafer antwortete mit kühler Stimme und gefühlslosem Gesichtsausdruck: „Das ist halt so. Wenn‘s dir nicht passt, dann kannst du zurück, es warten genug Menschen auf diese Chance.“ Mir liefen die Schweißperlen vom Gesicht und mein Herz pochte so schnell, dass ich es in meinem Mund spürte, aber ich stieg trotzdem mit insgesamt 56 Personen in ein schlichtes Gummi-Boot mit einfacher Schwimmweste am Leib.

Fünf Boote mit einer ungefähr gleichen Anzahl an Menschen versuchten ohne Bootsführer und ohne Route das Meer von der Küste Izmirs ins gegenüberliegende Griechenland zu überqueren. Es kam kein erfahrener Mann mit, um zu helfen. Niemand hatte jemals zuvor ein Boot gesteuert. Alle auf unserem Boot schauten mich hoffnungsvoll an, dann ergriff ich mutig das Steuer. Frauen, Kinder und sogar Nichtschwimmer waren dabei. Einige schwammen schon aus Angst nach ein paar Metern wieder zurück. Auf halber Strecke kam plötzlich ein Polizeiboot auf uns und griff uns an, die Männer schossen auf unser Boot und forderten uns auf zurückzukehren. Wasser drang in unser Boot, es schwankte in alle Richtungen, alle schrien vor Angst. Wir warfen unsere Habseligkeiten über Bord, um Last loszuwerden. Nachdem sich die Polizei auf die anderen Boote konzentrierte und unser Boot wieder sicher auf dem Wasser stand, steuerten wir weiter in Richtung Griechenland. Dreimal versuchten die Polizisten, uns zurückzutreiben, aber wir gaben nicht nach. Bei jedem Angriff dachte ich, dass es vorbei ist, dass ich jetzt sterben werde. Mein Körper zitterte. Viele fielen ins Wasser und verloren ihr Hab und Gut, Geld, Gold und ihre Handys und sogar ihr Leben. Ich habe zugesehen, wie Frauen mit ihren Kindern von anderen Booten fielen und ertranken. Niemand konnte ihnen helfen, jeder hatte Angst um sein eigenes Leben.

Voller Stolz wartet Ahmed darauf, dass sein Boot fertig gemacht wird

Mit Mühe und Not und etwas Glück schafften wir es wirklich an die griechische Küste. Ersthelfer einer Hilfsorganisation halfen nahmen uns an der Küste in Empfang und versorgten uns mit Lebensmitteln. Es war ein kleiner Lichtblick, alle konnten ein wenig aufatmen, weil es irgendwie weiterging. Die Nacht verbrachte ich im Freien, ich zog meine komplett nasse Jeans aus und hing sie zum Trocknen auf den Baum, unter dem ich schlief. Bei Sonnenaufgang bereitete ich mich auf den Weg vor. Als ich bemerkte, dass meine Jeans nicht mehr da war, suchte ich überall, doch sie war nirgends zu finden. Jemand hatte sie geklaut. Es war kalt und ich hatte keine Ersatzkleidung; die hatten wir ja über Bord geworfen. Ich hatte nur noch ein T-Shirt und eine Boxershorts an, etwas Geld in meinem Schuh und mein Handy. Verzweifelt saß ich da.

Es gesellte sich plötzlich ein junger Mann zu mir, er sagte mir, dass er gegen Geld eine Ersatzhose für mich hätte. Ich hatte keine andere Wahl, ich gab ihm das Geld und dankte ihm. Er sagte: „Ich bin Moyed und komme aus dem Irak, ich kann dir auf der Weiterreise helfen, ich mache diesen Weg schon zum zweiten Mal, ich kenne mich genauestens aus. Ich staunte und nahm das Angebot mit Vorsicht an. Wer weiß, was für Absichten er hätte „Ich bin Ahmed, ich danke dir!“ Wir unterhielten uns und ich fragte ihn, was noch auf uns zukommen würde. Langsam machten wir uns auf den Weg. Von Griechenland nach Serbien – zu Fuß. Moyed erklärte mir, dass der schnellste aber auch gefährlichste Weg entlang der Bahngleise sei. „Wenn wir das schaffen, ist der Rest nicht mehr so schlimm, sonst müssen wir dreimal so lange Wege gehen, bis wir in Serbien sind“, ermutigte Moyed mich. Noch ein Risiko und wieder Angst, es nicht zu schaffen. Aber ich nickte ihm zu und gab ihm zu verstehen, dass ich mich für den kürzeren Weg entscheide. Das freute ihn und wir machten uns nach einer kleinen Stärkung, die wir von den Ersthelfern bekommen hatten, auf den Weg. Nach etwa einer Stunde waren wir an den Gleisen angekommen. Lange Gleise ohne Ende waren in Sicht. Doch wir hatten ein Ziel.

Stundenlang liefen wir an den Gleisen entlang und unterhielten uns. Moyed erzählte mir, warum er diesen Weg zum zweiten Mal macht und dass er sich beim ersten Mal nicht richtig verhalten hatte in Deutschland und deshalb wieder zurückgeschickt worden sei. Er klärte mich genauestens auf und sagte mir, auf was ich immer achten sollte. Wir liefen und liefen, doch unsere Kräfte ließen langsam nach. Moyed schaute sich immer wieder um, damit uns niemand entdeckte. Ganz hinten in der Ferne hörten wir plötzlich schrille Trillerpfeifen und lautes, aggressives Hundegebell immer näherkommen. Unmittelbar danach wurden Gestalten sichtbar, sie liefen direkt in unsere Richtung. Moyed rief: „Ahmed, lauf! Sie kommen!“ Die nackte Angst ergriff mich und ich rannte um mein Leben. Sie kamen immer näher, ich hörte das Hecheln der Hunde in meinem Nacken. Moyed und ich rannten wie verrückt. Wir verloren unsere Schuhe dabei und liefen auf diesen holprigen Steinwegen barfuß weiter. „Jetzt ist es vorbei“, dachte ich und war kurz davor aufzugeben. Doch Moyed nahm unerwartet eine Abkürzung, die er kannte und wir hängten die Polizisten ab. Wir versteckten uns, bis sie nicht mehr in Sicht waren. Unsere Fußsohlen waren wund und blutig. Wir rissen unsere Unterhemden in Stücke und wickelten sie um unsere Füße.

Auf den Bahngleisen, kurz bevor die Flucht vor der Polizei beginnt

Nach einer Nacht in unserem Versteck, sagte Moyed, dass wir weitermüssten, um nicht entdeckt zu werden. Mit geschundenen Füßen und völlig erschöpft erreichten wir Serbien. Wir gingen in einen kleinen Ort hinein, um uns etwas zu Essen und zu Trinken zu besorgen. Wir aßen ein Stück Brot und tranken etwas Wasser, das war‘s! Wir durften kein Geld ausgeben, wir brauchten es für die Schlepper, die uns nach Deutschland führen sollten. Im Ort wusste Moyed sofort, wo sich diese Schlepper aufhielten. Schnell wurde alles gegen Bargeld für uns organisiert, Tickets mit anderen Namen für die Züge von Serbien nach Kroatien, von Kroatien nach Wien; sogar die Schaffner wurden bestochen. Die Schlepper brachten uns für einen Aufpreis – wir konnten kaum noch gehen – direkt zum Zug nach Kroatien und gaben uns noch etwas zu Essen für die Fahrt mit. Mit unglaublichen Schmerzen an den Füßen saßen wir nun endlich im Zug. Es war ein Moment des Glücks, aber wir durften uns nicht zu früh freuen.

Wir schauten stumm aus dem Fenster, als wir den Bahnhof verließen, wir konnten vor Müdigkeit und Schmerzen nicht sprechen. Nach einer Weile fielen wir völlig erschöpft in den Schlaf. Ich weiß nicht, wie viele Stunden vergangen waren, als der Schaffner mich plötzlich am Arm rüttelte: „Fahrkarten bitte!“, sagte er mit einer tiefen Stimme. Ich schaute ihn an und griff schnell in meine hintere Hosentasche und holte beide Karten heraus. Der Schaffner schaute sich die Karten und uns beide genau an. Ich weckte Moyed und bekam wieder Herzrasen vor Nervosität. Er stempelte die Karten ab und sagte: „Gute Fahrt!“ Ich atmete wieder aus: „Puh!“ Moyed grinste geheimnisvoll und freute sich. Es ging weiter.

Angekommen in Kroatien stiegen wir direkt in den nächsten Zug Richtung Wien. Hier kamen wir so langsam zu uns und hatten endlich Zeit, uns besser kennenzulernen. Moyed und ich erzählten uns unsere Leben, berichteten von unseren Familien und kleinen Erlebnissen in unserer Heimat. Wir vergaßen für einen Moment, dass wir illegale Flüchtlinge waren. „Was für ein schöner Moment!“, dachte ich nur kurz, riss mich aber sofort wieder zusammen. Der Schaffner in diesem Zug stempelte unsere Karten ab und ließ uns weiterfahren. Wieder stand uns die Angst ins Gesicht geschrieben. Aber es gab weder Hindernisse noch Probleme. Alles war gut organisiert. Langsam fühlte ich eine Last von mir abfallen und ein wenig Hoffnung. Wie gut, dass ich Moyed kennen gelernt hatte, ich wüsste nicht, ob ich es ohne ihn soweit geschafft hätte.

Durch die Lautsprecher im Zug kam die Ansage des Zugführers: „In wenigen Minuten erreichen wir die Endstation: den Hauptbahnhof Wien.“ Mein Herz raste wieder vor Angst und Aufregung. Moyed sagte: „Wir müssen direkt zu den Zollbeamten, die werden uns weiterleiten an die deutsche Polizei. Ab hier wird alles schriftlich geklärt, du brauchst keine Angst mehr zu haben, Ahmed.“ Ich befolgte alles, was er sagte, denn er kannte sich mit allen Schritten aus. Endstation Hauptbahnhof Wien: Wir stiegen aus. Es war ein kurzer Weg zu den Zollbeamten. Die Polizei nahm uns in ihre Obhut und versorgte uns. Sie nahmen unsere Personalien auf und bereiteten unsere Papiere für die Beamten in Deutschland vor. Dann fuhren sie uns zur Grenze. Ich fühlte mich zwar sicher. Trotzdem hatte ich ein mulmiges Gefühl im Bauch: Nur noch wenige Meter und wir stehe endlich vor der Grenzschranke. Nach unbeschreiblichen Momenten, vielen Gefahren und angstvollen Situationen waren wir an unser Ziel gekommen: Der deutsche Polizist öffnet die Schranke, ich blicke kurz zurück und lass alles noch einmal Revue passieren.

Große Erleichterung: Im Zug Richtung Wien

Es ist der 1. Oktober 2015 und ich gebe meinen Fingerabdruck als legaler Immigrant in Deutschland ab, Aufnahme im Heim für Flüchtlinge in Neumarkt in der Oberpfalz/Bayern. Hier verbrachte ich die erste Zeit und versuchte mich an die Situation zu gewöhnen, bevor es nach Hamburg weiterging. In Bayern war nur Platz für die Erstaufnahme, von dort wurde man in die verschiedenen Städte aufgeteilt und für mich war Hamburg vorgesehen.

In Hamburg fand ich schnell eine kleine Wohnung und schon bald ein Job als Autowäscher in einer großen Tankstelle. Dies waren sehr bewegende und Mut machende Momente für mich. Im Laufe der Zeit habe ich meine kleine Wohnung gemütlich eingerichtet und fühle mich jetzt sehr wohl darin. Mein bester Freund zu Hause ist meine Playstation 4. Auch bei der Arbeit habe ich Spaß. Wir sind ein Team, bestehend aus vielen jungen Leuten und aus vielen verschiedenen Nationen. Anfangs verständigte ich mit Händen und Füßen. Ich lernte langsam Deutsch, ich schaute mir Kindersendungen im Fernsehen an und versuchte Zeitungen zu lesen. Ich habe alles mit der Zeit erlernt, mich schnell an meine neue Umgebung und die neue Kultur gewöhnt. Das Leben hat mich bis heute großes gelehrt. Inzwischen sind fünf Jahre vergangen, ich habe einen festen Job und schicke meiner Familie jeden Monat Geld, damit niemand hungern muss. Ich habe es ihnen sogar ermöglichen können, an einen sichereren Ort zu ziehen. Dies macht mich sehr glücklich und bestätigt mich bis heute darin, das Richtige getan zu haben.

Mein Leben hat sich sehr verändert, es ist ein Leben ohne Angst und Bangen, ich habe Mut weiterzumachen und noch viele weitere Ziele. Ich bin für alles dankbar und wünsche es jedem seine Ziele, erreichen zu können.


Mysterium H.

Ein Kommentar von Liv Portner (10b)

Frau H. trat als letzte Rettung das Amt der Schulleiterin an. Nach Monaten der verzweifelten Suche nach einer geeigneten Besetzung für das Amt konnte H. die schulischen Gremien von sich überzeugen, trat die Stelle an und war bald wieder weg. Zeit, sie kennenzulernen, hatten wir nicht.

Den Schülervertreter:innen begegnete sie erstmals im vergangenen Winter bei ihrer Vorstellung in der P-Aula. Sie wurde von der Mehrheit der Vertreter:innen gewählt. Auch das Lehrerkollegium konnte sie für sich gewinnen. Im Februar des vergangenen Jahres wurde sie dann offiziell unsere neue Schulleiterin.

Dann passierte jedoch etwas sehr Gravierendes: Ein neuartiges Virus mit einem seltsamen Namen breitete sich immer weiter im Land aus. Bald konnte die Bedrohung durch Corona nicht mehr ignoriert werden. Im März stand fest: Die Schüler:innen würden so bald nicht in die Schule zurückkehren. Frau H. hatte gleich zu Beginn die Aufgabe, in dieser Situation zu vermitteln. Eine lange, erklärende E-Mail per IServ folgte der nächsten. Es galt, hysterische Eltern zu beruhigen und den Jugendlichen Halt zu geben.

Uns wurde bewusst, wir würden unsere neue Schulleiterin so schnell nicht richtig kennenlernen. Ich, als Klassensprecherin, hatte das Glück, sie schon zu Beginn ihrer Amtszeit zu treffen. Doch auch meine Vorstellungen ihres Gesichtes verschwammen immer mehr in ihren virtuellen Worten. Viele meiner Mitschüler:innen hatten Frau H. bis zu Beginn des ersten Shutdowns nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekommen.

Während dieses ersten Lockdowns hatten wir alle Probleme, mit der neuen Situation zurechtzukommen. Die Schule wurde von der Schulbehörde dazu verpflichtet, allen Unterricht aufrechtzuerhalten und trotz der Umstände zu stemmen. Die Schulleitung hatte allerhand damit zu tun, die neuen Regelungen in die Tat umzusetzen. Als die Zahlen im Mai wieder etwas sanken, wurden die Schulen zumindest teilweise wieder geöffnet. Dadurch konnte ein Stück Normalität zurückgewonnen werden, obwohl sich unsere Definition des Begriffes „Normalität“ wohl in dieser Zeit deutlich verschoben hatte. Wessen körperliche Präsenz jedoch ausblieb, war die von Frau H. Auch wenn wir im Hybridunterricht nur für eine kurze Zeit in der Schule waren, trafen wir H. kein einziges Mal auf dem Schulhof. Die kurze Phase des Unterrichts wurde erneut von den Sommerferien durchschnitten.

Danach sollte die Schule wieder richtig losgehen! Mit Abstand. Und Vorsicht. Und Masken. Ohne Cafeteria und Veranstaltungen. Ab da begann die „normalste“ Zeit mit Frau H. am GO: Zweifelsohne geschah Vieles: Handyverbot, Fahrradschulen-Wettbewerb, Feueralarm, Hygiene-Maßnahmen. An Aufregungen mangelte es nicht. Die Schüler:innen sahen sie nun zum ersten Mal, doch es blieb bei ein paar eiligen Blicken auf dem Schulhof. Selbstverständlich waren die Möglichkeiten der Interaktion sehr beschränkt; diese soll sich möglichst nur auf die eigene Klasse und Lehrer:innen beschränken. Den engsten Kontakt zu ihren Schüler:innen hielt sie, abgesehen von Mails via IServ, über den neu eingeführten Cafeteria-Wagen. Stets ist sie dabei, wenn sich die Schüler:innen gierig auf eine neue Ladung von Franzbrötchen stürzen. Gewiss kein schöner Anblick. Zu dieser Zeit versuchen wir, die Schülerzeitung, Kontakt mit ihr aufzunehmen, um ein Interview zu führen. Wir sprechen sie auf einem ihrer Streifzüge mit dem Cafeteria-Wagen an, um einen Termin zu vereinbaren. Sie will wissen, wann unsere Ausgabe erscheinen wird, doch diese Frage können wir ihr zu der Zeit noch nicht beantworten. Wir schreiben einige Male hin und her. Der Kontakt verliert sich wieder etwas. Klausuren und Schulstress sorgen vermutlich auf beiden Seiten für einen vorübergehenden Kontaktabbruch.

Die Corona-Zahlen steigen mit zunehmender Kälte. Auch hier macht sich Frau H. immer wieder die Mühe, alle zu beruhigen und sachlich zu informieren. Anfang September erreicht die Schüler:innen eine überraschende Nachricht: Frau H. erklärt, dass sie uns zum 1. Februar verlassen wird. Erneut versuchen wir Kontakt mit ihr aufzunehmen.

Wer ist diese Frau, die uns nun nach nur einem Jahr so überraschend verlässt?

Als die Fallzahlen erneut auf ein beunruhigendes Niveau steigen, wird die Bundesregierung zum Handeln gezwungen. Die Schulleitung hat sich nun mit einer abenteuerlichen Regelung der Schulschließung herumzuschlagen – der Präsenz-Unterricht wurde kurzerhand aufgehoben. H.s Aufgabe bleibt von Corona-Verordnungen geprägt. Als wir sie um einen virtuellen Interview-Termin bitten, erklärt sie sich dazu bereit, unsere Fragen zu beantworten. Unvorhergesehen kam dann eine Nachricht, in der sie uns mitteilte, dass sie das Interview nun doch nicht mit uns führen wird. Sie wolle einen sauberen Schlussstrich ziehen. Den zieht sie auch mit einer letzten verständnisvollen und empathischen Mail, in der sie sich ausgiebig bei der Schule bedankt. Die „Ära H.“ wird also weiter für die meisten Schüler:innen die „Ära Corona“ bleiben. Schade, wir hätten Sie gerne besser kennen gelernt.