Von Flucht und Abschiebung
Titelbild: "Free the refugees - Refugee Rights Protest at Broadmeadows, Melbourne" by John Englart (Takver) is licensed under CC BY-SA 2.0.
Ein Text von Maya (9c)
„Schon wieder ein neuer Angriff. Zwei Menschen sind gestorben; einer war sogar noch ein Kind. Wir müssen unser Land vor den ganzen Attacken beschützen. Wir Deutschen haben ein Recht auf gute Krankenversorgung, Sicherheit, eine funktionierende Wirtschaft. Doch wir haben nicht genug Geld dafür, denn das ganze Geld wird in die Migrant*innen gesteckt. In diese Leute, die uns angreifen, unser Land unsicher machen. Ich habe Angst, mein Kind alleine zur Schule zu schicken, da ich weiß, dass auf dem Schulweg ein Afghane wohnt. Was, wenn er auch angreift, wegen seiner religiösen Überzeugung? Ich bin nicht rechts, nein, aber ich möchte keine Angst haben, ich möchte ein sicheres Land und darum müssen wir abschieben. Deutschland hat nicht genug Platz und Ressourcen, um so viele Menschen aufzunehmen, die so aufgewachsen sind, dass sie nur ihre eigene Religion akzeptieren und uns gefährden. Wir müssen die Grenzen schließen und uns erst einmal um uns selbst kümmern, bevor wir das für andere tun.“
~“Zitat“ ausgedacht
„Jeden zweiten Tag versucht ein deutscher Mann, seine Freundin oder Exfreundin umzubringen. An jedem dritten bis vierten Tag gelingt es. Dies belegen viele Studien – wieso schieben wir also nicht einfach ab? Wenn alle Männer aus Deutschland raus wären, würden sehr viel weniger Frauen sterben. Das wäre ja genauso wie mit den Ausländer*innen. All die, die Deutschland gefährden, müssen raus. Und wenn wir auch alle deutschen Kriminellen einfach aus Deutschland abschieben würden, würden wir sogar noch mehr erreichen, denn obwohl Verbrechen von Ausländern 11-mal mehr in den Medien vorkommen, werden mehr als doppelt so viele Verbrechen von Deutschen begangen.“
~ „Zitat“ ausgedacht
Zwei Aussagen, beide mit der gleichen Argumentation. Und doch wirkt die eine ganz alltäglich, und die andere wie kompletter Unsinn. Doch im Kern wollen beide das Gleiche: Menschengruppen abschieben.
Früher wurden die USA als ein Land, das Chancen bietet, gesehen und viele Menschen sind dahin geflüchtet. Heute sind die USA seit vielen Jahren die größte Wirtschaftsmacht der Welt. Viele kamen nach Deutschland und erwarteten, eine Chance zu bekommen. Wenn wir die Grenzen schließen, werden viele keine Möglichkeit bekommen; keine Chance auf Essen, auf Sicherheit, auf Leben. Und das ist unsere Schuld.
Immer mehr Leute wollen abschieben, immer mehr wollen, dass Deutschland keine Flüchtlinge reinlässt, Ausländerhetze wird immer größer und Populismus gewinnt immens an Unterstützung in der ganzen Welt, sowie hier in Deutschland, wo rechtsextreme Parteien wie die AfD, die bei der letzten Bundestagswahl ihr Ergebnis etwa verdoppelte, immer beliebter werden.
Aber hast Du schon mal einer Geschichte, die anders als deine ist, zugehört? Hast dir schon mal die Zeit genommen, Geflüchtete nach ihren Erlebnissen zu fragen? Wenn Du gerne von einer anderen Quelle als der AfD etwas über Migration lernen willst, ist hier ein Text von Agab, der selbst vor 10 Jahren mit damals etwa 17 Jahren nach Deutschland geflüchtet ist.
Wie und wieso bin ich nach Deutschland geflüchtet?
Am 3. August 2014 hat die religiöse Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) unsere Stadt Shingal während eines jährlich stattfindenden Festes überfallen. Shingal liegt im Nordirak und ist die Heimat der meisten Jesid*innen. Wir mussten sofort fliehen und hatten keine Zeit, etwas zu packen – es ging um Minuten. Zwei Stunden nachdem wir die Stadt verlassen hatten, war sie komplett unter Kontrolle der IS-Kämpfer. Wer es nicht rechtzeitig geschafft hatte, wurde brutal aussortiert: Ältere und Kranke wurden ermordet, Frauen und Mädchen verschleppt, vergewaltigt und auf Märkten in anderen Ländern verkauft. Jungen wurden ihren Familien entrissen und zu Kindersoldaten gemacht. Zehntausende Menschen überlebten nicht. (Du kannst über das jesidische Dorf Kocho nachlesen, um mehr darüber zu erfahren.) Das war meine erste Flucht innerhalb meines Heimatlandes, in die Region Kurdistan im Irak. Ein halbes Jahr später, im März 2015, machte ich mich auf den Weg nach Deutschland.
Ich habe eine Schwester, einen Bruder und meine Mutter (mein Vater ist verstorben). Als ich den Irak verließ, war ich erst 17 Jahre alt. Für Iraker*innen gibt es grundsätzlich keine legalen Möglichkeiten, nach Europa zu reisen. Ich hatte keine offiziellen Dokumente, um legal über die Türkei einzureisen. Also bin ich mit einer Gruppe zu Fuß über die Grenze gelaufen. Nach acht Stunden erreichten wir die Türkei und fuhren über 24 Stunden mit einem Bus nach Istanbul – meine allererste Busfahrt überhaupt, denn in meiner Stadt gab es keine öffentlichen Verkehrsmittel, nur Autos und Fahrräder. In Istanbul fand ich meinen Onkel. Doch nur wenige Stunden später hieß es durch die Schleuser, wir müssten weiter nach Sofia (Bulgarien) laufen – angeblich nur drei Stunden. Tatsächlich liefen wir über 33 Stunden, zwei Nächte und einen Tag. In Sofia wurden wir mit zwanzig anderen Menschen in einem Kellerraum untergebracht, wo wir fünf Tage blieben. Danach liefen wir weiter nach Belgrad (Serbien). Erst von dort fuhren wir mit dem Auto weiter nach Wien. Mein Onkel hatte eine Beinverletzung, und wir saßen zu zweit versteckt unter den hinteren Sitzen, es war eng und beängstigend. In Wien blieben wir eine Nacht, dann ging es mit dem Zug weiter nach Hamburg. Unser eigentliches Ziel war Kiel, wo meine Tante wohnte. Nach einer weiteren Nacht in Hamburg kamen wir endlich in Kiel an.
Es war keine einfache Reise. Anfangs habe ich gebetet, dass wir keine Polizeikontrollen erleben. Später, als ich erschöpft, überfordert und voller Sehnsucht nach meiner Mutter war, habe ich gehofft, dass uns die Polizei festnimmt und in den Irak zurückschickt. Ich wollte und konnte nicht mehr. In den Jahren 2015/16 kamen viele Geflüchtete auf zwei Hauptwegen nach Europa: entweder – wie ich – zu Fuß über Bulgarien oder über das Mittelmeer nach Griechenland. Letzterer Weg war besonders gefährlich. Viele Menschen konnten nicht schwimmen, und die Boote waren oft instabil. Dementsprechend kamen auch viele Menschen ums Leben, weil sie nicht schwimmen konnten (leider auch 8 meiner Nachbarn sind im Mittelmeer ertrunken).
Ein weiteres Beispiel für eine Flucht übers Mittelmeer gibt es hier.
Was habe ich von Deutschland erwartet?
Ich war 17 Jahre alt, als ich in Deutschland ankam. Ich hatte mir keine konkreten Vorstellungen darüber gemacht, wie mein Leben hier aussehen würde. Ich wusste nicht, was es bedeutet, in einem neuen System zu leben, eine neue Sprache zu lernen oder ganz von vorne anzufangen. Ich dachte sogar, viele Menschen würden hier Kurdisch oder Arabisch sprechen. Ich habe also nichts erwartet – aber gehofft. Gehofft auf Frieden, Sicherheit und ein Leben ohne Krieg.
Was habe ich in Deutschland erlebt?
Mein erster Eindruck war positiv: volle Bahnhöfe, viele Züge, Autos auf den Straßen, funktionierende Ampeln, Radfahrer*innen – alles wirkte geordnet, sicher und bunt. Das hat mir Spaß gemacht. Doch in der Erstaufnahmeeinrichtung in Neumünster und später im Flüchtlingsheim im Schusterkrug (Kiel) war ich geschockt. Ich hatte gehofft, Deutschland kennenzulernen – stattdessen war ich umgeben von Menschen, die wie ich aus dem Irak, Syrien, Afghanistan oder dem Kosovo stammten. Ich wünschte mir, ein anderes Leben zu führen als das eines Flüchtlings in einem Heim. Dann lernte ich eine deutsche Familie kennen. Wir trafen uns in einer Kochgruppe. Die Familie hat vier verheiratete Kinder und acht Enkel. Als ich meinen Aufenthaltstitel erhielt, bin ich zu ihnen eingezogen. Ab diesem Moment begann für mich ein Leben zwischen zwei Kulturen ein großes Privileg. Ihre Kinder wurden wie meine Geschwister, ihre Enkelkinder wie meine Neffen und Nichten. Die Familie hat mir ein buntes, offenes Deutschland gezeigt, für das ich sehr dankbar bin. Trotz aller Schwierigkeiten habe ich meine Träume nicht aufgegeben. Schon als Kind hatte ich Ziele – aber ich hielt sie für unerreichbar. Heute, wenn ich zurückblicke, habe ich sie alle erreicht: Ich hatte Sehnsucht danach, lesen und schreiben zu können. Mit 18 Jahren bin ich in Deutschland zur Schule gegangen und habe das gelernt. Ich habe den Hauptschulabschluss, den Realschulabschluss, das Abitur und schließlich einen Bachelorabschluss geschafft. Ich träumte davon, eines Tages einen festen Job zu haben. Heute arbeite ich in der Landesverwaltung Schleswig-Holstein – und bin verbeamtet. Es hat dreieinhalb Jahre gedauert, bis ich in Kiel Freund*innen fand. Erst im Gymnasium lernte ich Menschen kennen, mit denen ich zusammen reisten, lernte und regelmäßig kochen. Durch diese Freundschaften wurde mein Deutschland noch schöner. Auch der Sport war wichtig für Integration: Seit sechs Jahren spiele ich Volleyball und trainiere montags meine Mannschaft (da unser Trainer nur donnerstags kann). Es macht mir riesigen Spaß, das Team zusammenzuhalten und gemeinsam besser zu werden. Ich liebe Deutschland und lebe gern hier. Unsere demokratischen Strukturen und das Grundgesetz sind das Fundament unserer Gesellschaft. Dafür setze ich mich jeden Tag ein. Deshalb erschreckt es mich, wenn große demokratische Parteien Migration als die „größte Krise“ des Landes darstellen – wie im Bundestagswahlkampf 2025. Das Hauptthema der Debatten war Migration. Aber eigentlich sollten wir über andere, viel dringendere Themen sprechen: unsere Wirtschaft, das Gesundheits- und Rentensystem, Bildung, Sicherheit, Klimaschutz und Frieden. All diese Bereiche brauchen dringend Reformen. Migration ist nicht das Problem – sie kann eine Chance für uns sein. Deutschland braucht neue Menschen mit Ideen in Forschung, Wissenschaft, Pflege, Bildung – überall. Wenn wir eine vielfältige, offene Gesellschaft bleiben, werden wir die Herausforderungen der Zukunft besser meistern als eine homogene/exklusive Gesellschaft. Ich wünsche mir bei der Debatte über Migration mehr Differenzierung und weniger Vereinfachung. Und vor allem mehr Menschlichkeit.
Von nervigen Eltern und der Heiligsprechung des Bargelds
Ein Kommentar von Emil (8b)
Foto: http://www.101holidays.co.uk/ über openverse.org
Ein herzliches Willkommen zur 3. Episode von „Emil meckert über Nonsens“! In den letzten beiden Episoden ging es um die damals neue Schulklingel, in der zweiten um das damals neue grüne Klassenzimmer. Beides finde ich mittlerweile gar nicht mal mehr so schlimm, diese Zeilen schreibe ich sogar unter den Sonnensegeln des GrüKlas. Nuja, hoffen wir mal, dass das mit diesem Thema auch so wird, denn das lässt mir tagtäglich mein Mittagessen hochkommen (oder das Frühstück, wenn es noch kein Mittagessen gab. Oder das Abendessen, wenn es Nacht ist). Ich rede über Eltern, die sich ereifern, möglichst viel Bullshit bei Gremiensitzungen zu labern und diesen mit noch mehr Scheiße begründen!
So kam es, dass ich einst vor langer, langer Zeit (Also vor ein paar Monaten) völlig entnervt in den Informatikraum 2 eintrat, zur Schülerzeitungs-AG gehend, untermalt mit den Worten: „Boah ey, engagierte Eltern geh‘n mir aber auch auf‘n Sack!“ Und das taten sie, und das tun sie, und das werden sie immer tun. Was war passiert? Nun, zuvor nahm ich an einer Sitzung des Ganztagsausschusses (im folgenden GTA abgekürzt) teil, auch Eltern waren da. Und welcher Typ Eltern hat für so was Zeit? Richtig, Eltern, die privilegierter sind als sonst auch nur irgendwas, die ihre letzten 3 Gehirnzellen für „Verwöhnung des Kindes“ oder Aktieninvestments verschwendet haben, Blutgruppe FDP, Allergien: Kinder mit dem Fahrrad zur Schule fahren lassen, Second-Hand-Produkte und Bargeld. Und letzten Punkt brachten sie bei ebenjener GTA-Sitzung zum Ausdruck: Es war kaum noch Zeit auf der Uhr, da sprach ein Vater das wohl leidigste Thema der Menschheitsgeschichte an — Kartenzahlung in der Cafeteria. Und meine Güte, das ist ja sooooooo unfassbar schlimm! Ich zitiere sinngemäß: „Ja also ich würde meinem Kind ja gerne mal Geld für die Cafeteria mitgeben aber *dramatische Pause* ich… ich habe nie Bargeld zu Hause!“ Oh nein, so schlimm, so helfe man doch dem Armen Herren da! Anscheinend ist er nicht in der Lage, sich zum nächsten Geldautomaten zu bewegen und Geld abzuheben — zur GTA- Sitzung schafft er es aber, komisch…
Wie können wir ihm nur helfen? Nun ja, ich lasse mal folgendes Zitat für sich sprechen: „Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat auf seiner Website einen Ratgeber für Notfallvorsorge herausgegeben. Den Bürgerinnen und Bürgern wird darin empfohlen, eine “ausreichende Bargeldreserve im Haus zu haben”, weil beim Stromausfall auch die Geldautomaten nicht mehr funktionieren. Was “ausreichend” bedeutet, wird nicht näher definiert.“ (Quelle: https://www.sol.de/deutschland-und-welt/fuer-den-notfall-so-viel-bargeld-sollte-jeder-daheim-haben-e-re-9,378999.html#1, zuletzt geöffnet am 08.10.2025 um 16:38) Ich bin mir sicher, das mit „ausreichende Bargeldreserve“ nicht 0,00 Euro gemeint sind. Und als Schule werden wir uns ja wohl an den Empfehlungen eines Bundesamts orientieren, wonach Sie ja Bargeld zu Hause haben sollten. Also: Das ist nicht unser Problem, sondern Ihres, Günter, Jürgen, Hans, oder wie auch immer du heißt!
Was mich aber fast noch mehr stört, ist die Antwort eines Schulleitungsmitglieds, die darauf folgte. Ich zitiere erneut sinngemäß: „Bargeld ist zwar vielleicht nicht die Zukunft, aber aktuell geht das halt nicht.“ Ich finde den schlichtenden Ansatz löblich, aber so richtig zufrieden ist jetzt keine Seite. Denn das Bargeld zukünftig keine Rolle mehr spielt, stimmt einfach nicht: Im Falle eines andauernden Stromausfalls wird Bargeld immer die einzige Option sein. Insofern, save the Bargeld! Kartenzahlung und PayPal sind auch nur kurzfristige Erscheinungen, langfristig wird sich das Bargeld wieder durchsetzen. (Gut, wird es nicht, aber schön wär’s) Und dem Vater hat man mit der Antwort auch noch Hoffnung gegeben, dass Bargeldverwendung irgendwann einmal möglich sei! Jetzt wird er jedes Jahr fragen, bis sein Kind das Abi hat und all unsere Zeit verschwenden – ich kotz‘ im Strahl!
Wir sehen uns dann wieder, wenn ich mit dem kotzen fertig bin und ein neues Thema zum Aufregen gefunden habe bei der nächsten Ausgabe von „Emil meckert über Nonsens“!
Sprache ohne Ton
Ein Text von Anna (8b)
Wer eine Geheimsprache sucht, hat bei Gebärdensprache gute Chancen, dass niemand im Bekanntenkreis sie spricht. Aber stell dir vor, das wäre deine einzige Sprache. In einem Land, das inklusiv sein soll, sprechen nur etwa 0,36 % der Bevölkerung die landeseigene Sprache. Auch wenn es dabei um Gebärdensprache geht, ist dieser Fakt erschreckend. Noch dazu fehlen den meisten die wichtigsten Informationen. Dieser Artikel soll dies nun verändern und Grundkenntnisse liefern.
Tatsächlich gibt es nämlich nicht nur eine Gebärdensprache, sondern 300 verschiedene und noch sehr viel mehr Dialekte. Die in Deutschland am weitesten verbreitete Gebärdensprache ist die DGS (Deutsche Gebärdensprache) und diese hat, wie jede andere Gebärdensprache auch, eine eigene Grammatik. So sagt man z.B. um sich vorzustellen: “Mein Name“ und dann direkt den Namen. Anders als in der gesprochenen Sprache fügt man in der DGS an dieser Stelle kein Verb ein.
Die DGS ist seit 2002 eine in Deutschland anerkannte Sprache. Vorher gab es, zumindest offiziell, keine Sprache, in der Menschen, die taubstumm waren, kommunizieren konnten. Doch die Zeiten ändern sich, wie die Sprache, zu der es tatsächlich inzwischen eine Jugendsprache gibt. Und unzählige Dialekte.
Also bloß nicht versprechen… äh, ich meinte natürlich vergebärden.
So wie es in der Lautsprache, der gesprochenen Sprache, Versprecher gibt, gibt es in der Gebärdensprache nämlich tatsächlich Vergebärdler.
Wer hat sich das wohl ausgedacht? Die Gebärdensprachen entwickelte tatsächlich niemand, sie entstand irgendwann instinktiv und wurde lange weiterentwickelt.
Vielleicht ist das der Grund dafür, dass es keine internationale Gebärdensprache gibt oder wenigstens eine, die man überall noch zusätzlich lernt. So eine internationale Sprache wie Englisch im Bezug zu den Lautsprachen gibt es bei den Gebärdensprachen nicht. Am ehesten wäre das noch ASL, die amerikanische Gebärdensprache.
Gebärdensprachler haben es trotzdem leichter mit anderssprachigen Menschen zu kommunizieren. Dazu benutzt man International Sign, dies ist jedoch keine richtige Sprache, sondern sie besteht aus überall verständlichen Gebärden. Diese wird bei einem Treffen sogar spontan weiterentwickelt. Sollte es doch mal Wörter geben, die man nicht ohne weiteres versteht, wird das Fingeralphabet eingesetzt, dieses ist nämlich bis auf einige Ausnahmen überall ähnlich.
Das Fingeralphabet gehört allerdings nicht zur Gebärdensprache, sondern ist eine Möglichkeit, Wörter der Lautsprache zu buchstabieren, aber auch dieses ist nicht einheitlich. So gibt es in England zum Beispiel ein Fingeralphabet mit zwei Händen.
da man damit aber in Deutschland nicht weit kommt, kommt hier das deutsche Fingeralphabet, auch wenn das in einem Artikel über die Gebärdensprache nichts zu suchen hat.

Bist du mutig?
Titelbild: Leontine, KuG-Profil 11
Ein Text von Maya (8c)
Bist du mutig? Glaubst du, du bist mutig?
Gehe einmal zehn Sekunden tief in dich rein und überlege: „Bin ich mutig?“
Was macht dich überhaupt mutig? Würdest du an Harry Potters Stelle genauso handeln? Könntest du Bob Andrews ersetzen? Manche sagen, Mut sei Handeln trotz Bewusstsein der Gefahr. Oder: Wenn man das Wohlbefinden anderer über das eigene stellt.
Stelle dir vor, du wärst in einen dämmrigen Raum, versteckt hinter einer Kiste. In der Mitte des Raumes steht eine fremde, kräftige Person, die jemanden bedroht und du weißt, die bedrohte Person wird gleich sterben, wenn nichts passiert. Gehst du dazwischen? Auf die Gefahr hin, dass ihr beide sterbt?
Schließe für einen Moment deine Augen und versetze dich in diese Situation. Wie würdest du handeln? Aber kannst du wirklich mit Hilfe einer theoretischen Situation deinen Mut erkennen? Denn wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass du in so einer Situation landest? Gering, oder? Wie kannst du Mut also in der Praxis erkennen?
Ich finde: wir sollten im Alltag alle mutiger und stärker sein, denn wir werden alle von der Gesellschaft unterdrückt. Weißt du was ich meine? Nein, oder?
Magst du Baggy Jeans oder Schlaghosen? Und wie sieht es mit Skinny Jeans aus? Woher glaubst du kommen deine Vorlieben bzw. Abneigungen? Bist du mit ihnen geboren? Aber hast du noch nie enge Jeans getragen und warst schon immer Fan von weiten Jeans?
Ich wettete mit einer Freundin darüber: Deine Eltern haben Fotos von dir in ihrer Galerie, auf denen du enge Jeans trägst. Jeans, die du heute unter keinen Umständen tragen würdest. Jeans, über die du letztens noch gelästert hast.
Aber wieso? Was ist das Problem mit engen Jeans?
Sie sind hässlich.
Aber wieso?
Ich denke: Deine Meinung kommt von der Gesellschaft. Wenn alle sie hässlich finden, tust du es automatisch auch. Das ist ein normales psychologisches Phänomen.
Du stehst allein auf dem Schulhof. Wie viele Schüler*innen siehst du hier allein stehen?
Was denkst du, wenn du diese Person siehst? Emo? Außenseiter*in?
Um nicht selbst als so jemand gesehen zu werden, gesellst du dich schnell zu anderen, selbst, wenn ihr euch nicht so gut kennt. Ist dir das schon mal aufgefallen?
Bestimmt. Achte mal darauf.
Eigentlich bin ich der Meinung, Jungen und Mädchen sollten gleichbehandelt werden, doch in unserer Gesellschaft wird eine klare Trennung zwischen ihnen gemacht.
Bist du ein Junge? Was machst du, wenn du traurig bist? Oder wenn du Angst hast?
Ich habe oft Wut und Aggressionen gesehen. Die Wut verbirgt die wahren Gefühle.
Aber ist das Verbergen der wahren Gefühle ein Zeichen von Stärke?
Was ist leichter: die Gefühle zu ignorieren oder zu zeigen?
Du weißt, dass du ,,Bitch-Blicke“ bekommst, wenn du alleine unterwegs bist.
Oder: Dass über dich gelästert wird, solltest du eine hässliche Kleidung tragen oder solltest du als ,,Junge“ weinen.
Es gibt so vieles, dass wir tun könnten, aber nicht tun aus Angst; aus Angst, wir könnten unsere Freund*innen oder unsere Beliebtheit verlieren. Denn wer möchte schon gerne, dass alle über einen lästern?
Meine Ansicht ist: In unserer Gesellschaft ist wahrer Mut aus der Norm zu fallen; wahrer Mut ist „Bitch-Blicke“ und Lästereien zu ignorieren und weiterzumachen. Menschen sind Gruppentiere und freiwillig Außenseiter*in, ohne Verbündete zu sein, ist darum für uns eine riesengroße Herausforderung.
Sehr, sehr wenige von uns haben diese Herausforderung bisher gemeistert. Wie auch, wenn wir uns unserer Angst nicht bewusst waren?
Ich hoffe, du verstehst. Ich hoffe, meine Sicht auf ein großes Problem ist für dich nachvollziehbar.
Der Grundstein des Mutes ist das Verständnis der Angst.

Kunstwerk von Leontine (KuG-Profil 11) aus der Ausstellung "Das KuG-Profil stellt Werke nach Lohse-Wächler aus", 31.01.2025, Ernst Barlach Haus.
Wer arbeitet hier eigentlich?
Das Interview mit einer Reinigungskraft, die an unserer Schule arbeitet
Wir treffen eine Reinigungskraft – die hier anonym bleiben soll – am Ende eines langen Schultages in einem der vielen Gebäude des GO. Sie ist sofort bereit, unsere Fragen zu beantworten.
GO public: Wie lange müssen Sie arbeiten und wie viele Klassenzimmer müssen Sie pro Tag reinigen?
Reinigungskraft: An einem Tag müssen 9 Unterrichtsräume gereinigt werden, dazu Treppen und Toiletten. Dafür habe ich 5 Stunden Zeit.
GO public: Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit? Was gefällt Ihnen gar nicht?
Reinigungskraft: An meiner Arbeit gefällt mir eigentlich gar nichts. Ich komme nicht gerne her, um hier zu arbeiten. Es ist einfach zu viel und man braucht sehr viel körperliche Kraft. Ich bin körperlich gar nicht so stark und meine Kraft reicht für die anstrengende Arbeit kaum aus.
Zudem müssen wir oft Müll entsorgen, der sehr schwer zu tragen ist. Beispielsweise werfen Lehrer Bücher in die Papierkörbe. Unsere Müllsäcke halten das Gewicht nicht aus und sie reißen. Das bedeutet dann, das wir sehr oft zwischen den Mülltonnen und den Räumen hin- und herlaufen müssen.
GO public: Was nervt Sie an den Schüler:innen am meisten?
Reinigungskraft: Ganz klar: Kaugummis an den Möbeln! Ich muss das dann mit einem Spachtel wegkratzen.
Vor allem in den Jungstoiletten sind oft Papiertücher in den Waschbecken. Und die Jungen schmeißen sogar in Wasser eingeweichte Papiertücher an die Decke, wo sie dann hängen bleiben. Es ist sehr anstrengend, das wieder runterzubekommen.
Außerdem gibt es natürlich jede Menge Pipi auf dem Boden, Seife ist verspritzt, usw.
Die Reinigungskraft zeigt uns ein Video, in dem die Verschmutzung zu sehen ist (Screenshot).

In den Physikräumen ist das Kaugummi-Problem am größten. Man muss sagen: Die Bioräume sind meistens sehr ordentlich. Oft sind die Stühle nicht hochgestellt. Das kostet mich sehr viel Arbeitszeit. Schlimm ist auch, wenn z.B. Cola auf dem Boden verschüttet wurde. Dann ist es sehr schwierig, das aufzuwischen.
Noch eine Sache: Es ist blöd, wenn Lehrer und Schüler am Abend, wenn wir schon fertig sind mit putzen und nach Hause gegangen sind, das Licht anlassen oder Fenster und Türen offenbleiben. Wir bekommen dann nämlich den Ärger!
GO public: Müssen Sie sehr weit fahren, um hierher zur Schule zu gelangen?
Reinigungskraft: Ja, sehr weit. Ich wohne in Harburg – eine Stunde herfahren, eine Stunde zurück.
GO public: Haben Sie selbst Kinder, die auch eine Schule besuchen?
Reinigungskraft: Nein, ich habe keine Kinder.
Wie gesagt: Die Arbeit hier gefällt mir gar nicht. In meinem Heimatland – GO public ist das Heimatland bekannt, wird hier aus anonymitätsgründen aber nicht genannt – war ich Umweltingenieurin. Ich würde gerne wieder dorthin zurück. Aber es macht auch wenig Sinn, noch einmal neu anzufangen…
Klos am GO
Der folgende offene Brief zur Toilettensituation an der Schule erreichte die GO-Public-Redaktion. Wir veröffentlichen den Brief anonym. Der Redaktion ist der Name der Schülerin aber bekannt und wir haben uns davon überzeugt, dass die Schülerin wirklich das GO besucht.
Liebe Schülerzeitung,
vor ein paar Wochen wurden drei Mädchen-Toiletten geschlossen, es ist ein Problem, vor allem in den Pausen. Mädchen haben mir auch berichtet, dass, wenn sie zum anderen Gebäude gehen, die Pausenaufsicht streng zu ihnen sagt: „Geht zur Cafeteria!“ Aber die Schlange dauert oft eine Stunde. Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Wenn wir Lehrerinnen oder Lehrer darauf aufmerksam machen, staunen sie nur überrascht und sagen: „Ach ja wirklich?!“ (Mehr tun sie dann nicht.)
Es ist vor allem für die großen Mädchen ein Problem, wenn sie ihre Tage haben (anders gesagt: ihre Periode). Dann brauchen sie die Toiletten am meisten. Und das ist ein Problem, weil wir ja unter Mädchentoilettenmangel leiden. Im Innensport gibt es zwar genügend Toiletten, aber die Turnhallen sind meistens abgeschlossen. (Es sind ja auch mehr als 100 Mädchen!)
Deswegen wollte ich auf das Thema aufmerksam machen (könntet ihr darüberschreiben? Bitte!) Damit das alles endlich ein Ende hat!
Das Ende vom Toilettenmangel von darunter leidenden Mädchen am GO! (Ich erhebe die Stimme der Mädchen. Wir haben schwächere Urinblasen als Jungs.)
In Liebe, eine Schülerin aus den fünften Klassen
Stellungnahme der Schulleitung vom 23. Oktober 2024
Liebe Schülerin aus der fünften Klasse,
danke für Deinen Brief und die damit verbundene, nachvollziehbare Rückmeldung!
Selbstverständlich sollt Ihr nicht unnötig vor verschlossenen oder überfüllten Toiletten stehen müssen. Schließungen lassen sich manchmal nicht verhindern, wenn etwa der Zustand unappetitlich ist. Das führt dann zu Aufstauungen an anderer Stelle. Wir öffnen die Toiletten alsbald möglich, die Säuberung dauert jedoch immer eine gewisse Zeit.
Das Thema nehme ich sehr ernst und bespreche es demnächst u.a. mit den KollegInnen und dem SchulsprecherInnen-Team.
Herzlichen Gruß
Thomas Weiss
Wenn auch du auf einen Missstand hinweisen willst, schreibe uns gerne! kontakt@go-public.blog
Shame on you
Wenn das Wort Scham fällt, dann überkommt einen oft ein ungutes Gefühl, eine bestimmte Enge in der Brust oder ein dumpfes Gefühl im Bauch, wenn wir uns möglicherweise an einen Moment zurückerinnern, der jenes Gefühl ausgelöst hat. Reden tun wir dann selten darüber, da schon manchmal das Empfinden von Scham beschämend ist .
Wir versuchen, das Gefühl wegzuschieben und besonders im Jugendalter so soweit es geht von uns fernzuhalten. ohne uns wirklich Gedanken darüber zu machen, warum wir uns gerade schämen und ob das Gefühl wirklich angebracht ist.
Ich möchte im folgenden Artikel darauf eingehen, was Scham überhaupt ist, wie sie sich auf uns auswirkt, und wie man sie einordnen kann und möchte dazu anregen, Scham nicht als keine negative Folge eines Fehltrittes abzustempeln, sondern ihr auf den Grund zu gehen und aus ihr zu lernen.
Ein Artikel von Lale (9d)
Was ist Scham und warum schämen wir uns?
Scham ist eine angeborene Fähigkeit, welche sich jedoch im Verlauf des Lebens entwickelt und erst dann auftritt, wenn wir zwischen uns selbst und anderen Menschen unterscheiden können, zudem braucht sie soziale Werte, Regeln und Normen, nach denen wir uns richten. Wenn wir gegen jene Werte und Regeln verstoßen, empfinden wir Scham. Das hat damit zu tun, dass, wenn wir gegen bestimmte Regeln unserer Gesellschaft verstoßen, wir unsere Grundbedürfnisse gefährden, nach deren Auslebung sich jeder Mensch sehnt. Zu den Grundbedürfnissen zählen Anerkennung, Schutz, Integrität und Zugehörigkeit.
Folglich ist Scham hauptsächlich ein Schutzmechanismus, welcher uns vor der Missachtung unseres sozialen Umfeldes und der Verstoßung aus unserer Gesellschaft schützen soll, was individuell davon abhängt, welchen Sozialen Regeln das Umfeld jeden Individuums folgt, und ist daher kultur-, milieu- und kontextabhängig.
Scham und Schuld
Scham ist eng verwoben mit dem Gefühl von Schuld, jedoch ist es wichtig, zwischen beiden
Empfindungen zu differenzieren, so spricht man auch von Scham- und Schuldkulturen.
Scham- und Schuldkulturen beschreiben Kulturen, welche im Umgang mit sozialem Fehlverhalten sich an Scham oder Schuld zur Konfliktregelung bedienen. Dabei gelten der Nahe und Ferne Osten als Schamkulturen und westliche Länder oft als Schuldkulturen.
In Schamkulturen wird auf die Sichtweise der Gemeinschaft auf das Individuum wertgelegt, daher dient das Empfinden von Scham, ausgelöst durch strickte, soziale Regeln oder religiöse Grundlagen, der Regulierung der einzelnen Personen, um eine gesellschaftliche Ordnung aufrecht zu erhalten. Dabei ist Scham meist eine Negative Bewertung des eigenen Selbst im Hinblick auf eine potentielle Situation, also die dauerhafte Angst, sein Gesicht zu verlieren.
In Schuldkulturen liegt der Fokus darauf, die individuellen Handlungen zu rechtfertigen und daraus zu lernen, um in Folge dessen eine gesellschaftlich auferlegte Schuld zu begleichen und so die eigenen Grundbedürfnisse zu schützen. Ein ähnliches Konzept findet man in der griechischen Mythologie wieder, in der die Sterblichen mit den Göttern um einen Gefallen feilschen. Wird ihnen dieser gewährt, stehen sie in der Schuld der Götter und müssen ihr Leben danach richten, ihre Schuld zu begleichen.
Wir selbst sind unsere größten Kritiker…
Unabhängig davon, in welcher Kultur wir leben, empfindet jeder Mensch (mit Ausnahme bestimmter Krankheiten) Scham und dies in ganz unterschiedlichem Maße. Dabei entscheiden wir intuitiv selbst, ob Scham in diesem Moment angebracht ist oder nicht. Wir richten uns dabei nach unseren Moralvorstellungen und sozialen Werten, sind jedoch selbst unser größter Kritiker. Allerdings richten wir uns in der Regel nur nach unserer eigenen Perspektive auf die Dinge, während ein Außenstehender eventuell gar keinen Grund für Scham sieht. Beispielsweise schämst du dich den ganzen Tag lang für einen Witz, über den niemand gelacht hat, und bedenkst nicht, dass die meisten ihn wahrscheinlich schon nach zwei Minuten wieder vergessen haben. Dann kann es sein, dass man anfängt, sich dauerhaft zu schämen, obwohl dies eigentlich gar nicht nötig wäre; das ist weder gesund noch hilfreich.
Man verliert die Fähigkeit, zwischen der Realität und dem eigenen Empfinden zu
differenzieren.
Keine Strafe sondern ein Signal
Man sollte sich schämen, wenn man das Gefühl hat, dass es der Situation entsprechend angebracht ist, und nicht, weil jemand entschieden hat, dass man es jetzt verdient hätte, sich zu schämen. Scham ist keine Strafe sondern ein Signal, dass man eine Grenze überschritten hat, und man sollte dies nicht wegschieben, sondern ergründen, was die Scham ausgelöst hat. Es gilt, eine Balance zwischen lehrreicher, ,,verdienter‘‘ Scham zu finden und jener, die einen zurückhält, über sich hinauszuwachsen, ohne Scham kann keine Veränderung des Verhaltens entstehen.
Leider ist, sich zu schämen, immer noch ein Tabuthema unserer Gesellschaft, da wir davon ausgehen selbst verantwortlich für sie zu sein. Das ist auch oft der Fall und richtig so, denn Scham macht uns sensibel gegenüber unseren Mitmenschen; wir wissen intuitiv, wann wir uns einen verletzenden Kommentar verkneifen sollten oder wann wir den Blick abwenden sollten. Scham ist unvermeidlich, deshalb bleibt uns nur übrig, sie zu akzeptieren und sich jedes Mal zu fragen, ob es gerade sinnvoll ist, sich zu schämen, oder ob man dies nur tut, weil man das Gefühl hat, es wird von einem erwartet. Wenn man das Gefühl hat, nicht richtig zwischen der Realität und dem eigenen Empfinden urteilen zu können, kann man immer noch seine Mitmenschen fragen, wie sie die entsprechende Situation empfunden haben. Ich bin der Überzeugung, dass, indem wir uns unserem Beschämnis stellen, wir sehr viel aus ihm schöpfen und so uns auferlegte gesellschaftliche Normen und moralischen Werten durchbrechen können.

Sichere Suchmaschinen
Titelbild: Screenshot Suchmaschine google.com.
Google speichert Daten und verdient Geld mit diesen Daten – wer Privatsphäre möchte, ist hier falsch. Was Google mit euren Daten macht, und was ihr machen könnt, wenn ihr das nicht wollt, und welche Google-Alternativen es gibt, erfahrt ihr hier.
Ein Suchmaschinenvergleich von Emil (7b)
Analyse der Google-Datenschutz-Erklärung
Grundsätzlich ist das Speichern der Daten etwas Gutes: Dadurch weiß YouTube (eine Plattform, die zu Google gehört), dass du z.B. Sportvideos magst, aber keine Gaming-Videos. Oder, dass du oft Max Mustermann eine E-Mail schreibst, jedoch nicht Mina Musterfrau. Anderseits speichert Google auch deine Passwörter und Benutzernamen – und Google muss sie unter gewissen Umständen sogar Geheimdiensten bereitstellen. Es kann sein, dass dein Google-Server außerhalb der EU steht, vielleicht in einem Land mit schwacher Datenschutzverordnung. Wenn du bei Google angemeldet bist, kannst du deine Daten löschen.
Es muss nicht immer Google sein – alternative Suchmaschinen mit sichererem Datenschutz
DuckDuckGo
DuckDuckGo speichert deine IP-Adresse, also eine Nummer, durch die dein Rechner eindeutig identifiziert werden kann, nicht. Ebenso wenig verwendet es Tracking-Cookies, d. h., es verfolgt deine Internet-Aktivität nicht. Die Suchergebnisse sind dadurch jedoch etwas schlechter.
Startpage
Startpage gilt als sicherste Suchmaschine – sie bietet die bei DuckDuckGo genannten Sicherheitsvorteile und es gibt noch die Möglichkeit, die Websites zusätzlich zu verschlüsseln. Außerdem sitzt Startpage in den Niederlanden, und nicht in den USA, was ebenfalls sicherer ist. Die Suchergebnisse selbst bezieht Startpage von Google, weshalb dort ebenfalls kein Qualitätsmanko vorhanden ist. Startpage schneidet in vielen Tests (u. a. Stiftung Warentest) gut und besser als Google ab.
MetaGer
MetaGer bietet denselben Datenschutz wie Startpage, und sitzt zusätzlich in Deutschland.
Ecosia
Ecosia gibt keine Daten weiter – doch das ist nicht das besondere an dieser Suchmaschine: Die kompletten Werbeeinnahmen fließen in 70 Umweltprojekte, dabei vor allem in Baumpflanzprojekte: Über 155,5 Millionen Bäume haben sie bereits gepflanzt.
Qwant
Auch Qwant verfolgt deine Daten nicht zurück und gibt sie ebenso wenig an Dritte weiter. Qwant sitzt in Frankreich. Qwant bietet außerdem…
- Einen Kartendienst (Qwant Maps), welchen ich jedoch für ausbaufähig halte.
- Eine Suchmaschine speziell für Kinder (Qwant Junior)
Das waren nur einige von vielen Google-Alternativen, es gibt noch viel mehr Möglichkeiten. Entscheide am besten selbst, was du verwendest, und noch ein Tipp: Lehne alle Cookies ab!
Quellen: Stiftung Warentest u.ä., wikipedia, Angaben der jeweiligen Suchmaschinen
Seaspiracy
Die Ozeane - sie machen 70% der Erdoberfläche aus, sind Zuhause der größten Artenvielvalt der Erde und Quelle von 85% des weltweiten Sauerstoffs, den wir zum Atmen brauchen. Doch diese Welt voll Schönheit, Leben und Farbe scheint von einer größeren Gefahr bedroht zu sein, als mir und vielen von euch wahrscheinlich bewusst war. Der auf Netflix erschienene US-amerikanische Dokumentarfilm „Seaspiracy“ behandelt die Auswirkungen der Fischereiindustrie im Hinblick auf den Klimawandel und der Verschmutzung der Weltmeere.
Eine Filmrezension von Lale (8d)
Schau dir hier den Trailer zum Film an!
Seaspiracy erschien 2021 und ist der zweite Teil einer Reihe, mit dem Vorgänger „Cowspiracy“, der Titel leitet sich von dem englischen Wort sea (Meer) und conspiracy (Verschwörung) ab.
Regisseur ist Ali Tabrizi. Er ist in der Dokumentation zu sehen und begleitet den Zuschauer durch den Film.
Aber erstmal auf Anfang – zu Beginn der Dokumentation werden schöne und friedvolle Aufnahmen von Gewässern und deren Artenvielfalt gezeigt. Parallel erzählt Ali Tabrizi, dass er schon als kleiner Junge eine Leidenschaft für die Mere und Ozeane besessen hatte: „Meine Liebe zum Ozean geht auf Dokumentarfilme von Jaques Cousteau, David Attenborough und Sylvia Earle zurück. Ihre Filme eröffneten mir eine ganz neue Welt. Ich träumte davon, wie sie, die Vielfalt unserer Weltmeere zu erforschen. Und die einzigartige Flora und Fauna unter den Wellen im Bild festzuhalten.“
Mit 22 begann er, seinen Traum zu verwirklichen, und arbeitete an einem eigenen Dokumentarfilm. Jedoch ändert sich Tabrizis romantische Sichtweise auf die Ozeane, je weiter er nachforschte.
Als immer öfter von gestrandeten Walen und Delphinen in den Medien die Rede war, sah Ali Tabrizi vieles in ganz anderem Licht; ihm wurde klar, wie sehr sich unser Leben auf die Weltmeere ausübt, da die Mägen dieser Tiere mit Plastik gefüllt sind.
Plastik im Meer
Von diesem Plastik wird minütlich eine LKW-Ladung in die Ozeane gekippt. Dort zersetzt es sich und wird zu winzigen Partikeln, welche sich Mikroplastik nennen. Mikroplastik übertrifft die Anzahl der Sterne in der Milchstraße um bereits das mindestens 500-Fache! Viele Menschen, wie auch Ali Tabrizi, machen sich Sorgen wegen der Strohhalme und des Plastikbestecks, das wir benutzen und das später möglicherweise im Meer landet. Doch rund 46% der gesammten Müllteppiche sind Fischernetze und Fanggeräte! Das Plastikgeschirr scheint also eher das kleinere Problem zu sein: „Es ist als würde man die Abholzung des Regenwaldes aufhalten wollen, indem man Zahnstocher boykottiert.“ schildert Tabrizi.
Ein anderer Grund für das Aussterben von Delphinen und Walen, ist die besonders in Ost-Asien verbreitete Industrie, die seit Jahren die Tiere, ohne es öffentlich zuzugeben, fängt und für viel Geld an Vergnügungsparks verkauft. Auch die milliardenschwere Thunfischindustrie hat ihren Anteil, die Delphine jagt und tötet, da Delphine den kostbaren Thunfisch wegfressen. Der Thunfisch ist ohnehin überfischt.
Thematisiert wird auch die Wichtigkeit der Schutzes der verschiedenen Hai-Arten. So berichtet Paul de Gelder (Hai Aktivist) : ,,Die Menschen sollten keine Angst haben, dass es Haie im Ozean gibt, sondern davor, dass es bald keine mehr gibt.“
Accidental Take
Erschütternd sind auch die internationalen Beifangquoten. In der Fischerei Branche spricht man vom „accidental take“ oder vom „versehentlichen Fang“. Beifang ist jedoch kein Versehen, sondern eine wirtschaftlich einkalkulierte Inkaufnahme. Als Beispiel wird eine isländische Fischerei genannt, welche in einem Monat 269 Schweinswale, 900 Robben sowie rund 5000 Seevögel mit einfing, was für nur eine kleine Fischerei eine schockierende Zahl ist.
Solche Fischereien werden mit bestimmten Siegeln von „Umweltorganisationen“ gekennzeichnet, welche den Fisch als nachhaltig gefangen auszeichnen und auf den Konsumenten irreführend wirken. Da auf hoher See ca. 4,6 Millionen gewerbliche Fischereifahrzeuge unterwegs sind, kann nicht effektiv kontrolliert werden, ob die von den Regierungen verfassten Vorschriften eingehalten werden.
Des Weiteren wird die Fischindustrie subventioniert. Subventionen sind Steuergelder, mit denen Unternehmen unterstützt werden, um beispielsweise den Preis von Produkten und Dienstleistungen so günstig wie möglich zu halten. In immer mehr Ländern geht somit mehr Geld an die Fischindustrie, als mit dem Verkauf von Fischen wieder eingeholt wird.
In gewisser Weise unterstützt jeder auch ungewollt die Fischindustrie über die Steuern. Da der eigentliche Grund für die Subvention die Senkung der Lebensmittelpreise darstellt, ist es umso ironischer, dass die EU, Fischerei an der west-afrikanischen Küste mit Steuergeldern finanziert, wodurch dort lokale Betriebe zurückdrängt werden. Für die lokalen Betriebe sind die Preise werden die Preise zu niedrig und sie können von dem Fischverkauf nicht mehr leben.
Thematisiert werden auch Vor- und Nachteile von Aquakulturen, insbesondere von der Lachs und Garnelenzucht. Sklaverei ist darüber hinaus eine der im Dunkeln liegenden Facetten der Fischindustrie, da viele günstige bzw. kostenlose Arbeitskräfte benötigt werden.
Für einige der letzten Szenen reiste Tabrizi auf die Färöer-Inseln, um bei einer angeblich traditionellen und nachhaltigen Waljagt dabei zu sein. Zu sehen sind bewegende und aufwühlende Bilder, jedoch scheint die Moral dahinter nicht ganz unberechtigt zu sein: Ich töte lieber einen Wal als 2000 Hühner, dass ist ungefähr die selbe Menge an Fleisch. Und so gesehen empfinde ich mich als besseren Menschen; besser als viele andere, die darüber nachdenken.“ erklärt Jens Mortan Rasmussen (Walfänger).
Darf ich heute noch Fisch essen?
Die Dokumentation hat mich aufgewühlt und mit Tränen in den Augen zurückgelassen.
Für mich war die Fischereiindustrie das eher weniger schlimme Equivalent zur Viehindustrie. Ich hatte wie viele von euch bestimmt auch, diese kindliche, durch die Medien suggerierte Vorstellung von einem älteren Mann mit Mütze und Pfeife, der jeden Tag auf sein kleines Fischerboot steigt und drei, vier Fische angelt und mit einem halbwegs guten Gewissen davon kommt.
Ich finde die Dokumentation sehr empfehlenswert. Abgesehen von den großartigen Aufnahmen und zahlreichen Informationen eröffnet der Film neue Perspektiven und wird wahrscheinlich die Sichtweise auf regelmäßigen Fischkonsum von vielen von euch verändern.
Allerdings malt die Dokumentation auch ein sehr düsteres Bild und bringt die dunkelsten Seiten der Fischindustrie an die Oberfläche. Zudem wird man als Zuschauer regelrecht mit Informationen bombardiert, von denen eine schlimmer ist als die andere. Die Dokumentation soll aufrütteln und dabei werden ohne Zweifel einige Aussagen überspitzt und überdramatisiert.
Als allumfassende Lösung wird empfohlen, einfach keinen Fisch mehr zu essen, auch wenn diese Aussage vielleicht schmerzt ist trotzdem viel Wahres an ihr dran und auch ich möchte jeden motivieren, von nun an etwas weniger Fisch zu essen. Jedoch kann sich auch nicht jeder entscheiden, ob er Fisch essen oder doch lieber vegan leben will, da Fisch und Meerestiere den Proteinbedarf von rund drei Milliarden Menschen decken und das Einkommen von rund 800 Millionen Menschen sichert, besonders in Entwicklungsländern.
Ich würde dem Film vier von fünf Sternen geben, da er hochwertig produziert ist und wichtige Kernaussagen beinhaltet, trotzdem sollte jeder für sich entscheiden, ob er mit den gezeigten Bildern umgehen kann, sich aber auch mal an die eigene Nase fassen, denn wir müssen uns von dieser kindlichen Vorstellung lösen. Veränderung wird kommen, ob wir es wollen oder nicht.
Obdachlose – Wie können wir persönlich helfen?
Richard (S2) besucht einen Kurs von Frau Niemeyer und war im Rahmen einer Exkursion mit Obdachlosigkeit konfrontiert. Lies hier seine Gedanken dazu, wie den Menschen geholfen werden könnte!
Ein Gastbeitrag von Richard (S2)
Der deutsche Sozialstaat ist einer der stärksten weltweit. Das Sozialbudget betrug im Jahr 2021 etwa 1,16 Billionen Euro. Die Sozialleistungsquote liegt damit bei 32,5%. Sie bezeichnet den Anteil der Sozialleistungen am BIP. Dennoch ist es bis heute nicht gelungen, Obdach- und Wohnungslosigkeit in Deutschland – einem der reichsten Länder der Erde – zu beenden. Was können wir also persönlich tun, um obdachlosen Menschen im Rahmen unserer persönlichen Kapazitäten zu mehr Würde und stärkerer sozialer Teilhabe zu verhelfen?
Als SchülerInnen sind unsere Möglichkeiten zwar begrenzt, aber dennoch können auch wir helfen. Einige würden gerne ab und zu ein paar Euro spenden, sind aber abgeschreckt von der Vermutung, dass dieses Geld womöglich für Alkohol oder andere Drogen ausgegeben wird. Dann doch lieber eine Lebensmittelspende? Nicht unbedingt. Zum einen folgt diese Sorge aus einem Bild von obdachlosen Menschen, welches ihren Drogen- und insbesondere Alkoholkonsum als obsessiv stigmatisiert und zum anderen lässt sich von außen schwer beurteilen, welche Bedürfnisse ein Mensch hat. Vielleicht bringt dem Obdachlosen das fünfte Brötchen am selben Tag nicht viel, wenn er seit Tagen keine warme Mahlzeit mehr hatte.
Dieses scheinbare Dilemma lässt sich allerdings überraschend leicht lösen. Durch persönliche Nachfrage erlangt man nicht nur Informationen, wie man dem einzelnen Menschen auf geeignete Weise helfen kann. Man bietet auch Ablenkung von der Einsamkeit, unter der Wohnungslose häufig leiden und reduziert dabei – wenn auch nur für kurze Zeit – das Gefühl, nicht der Gesellschaft anzugehören, welches viele Wohnungslose ebenfalls plagt. Nebenbei kann eine solche Unterhaltung auch für einen selbst wertvoll sein. Man erhält einen Einblick in eine meist völlig unbekannte Lebensrealität, wodurch man nicht nur seine eigene mehr wertzuschätzen lernt, sondern auch neue Perspektiven erhält. Man muss aber darauf vorbereitet sein, dass es schwierig sein kann, mit der Antwort auf die Frage, wie man selbst helfen kann, umzugehen. Dabei ist besonders wichtig, dass man sich seinem Gesprächspartner gegenüber stets respektvoll verhält, also auch das Gespräch freundlich beendet, wenn der Gesprächspartner darum bittet oder man sich selbst unwohl fühlt.
Daneben können Hinweise auf vorhandene Hilfseinrichtungen in der Umgebung den Betroffenen weitere Möglichkeiten aufzeigen. Diese Einrichtungen können außerdem ein weiterer Weg sein, Sachspenden an Bedürftige zu verteilen.
Eines der Konzepte dafür sind die sogenannten „Tauschboxen“. Diese sind in mehreren deutschen Städten zu finden, so auch fünf Stück in Hamburg, eine davon an der Kreuzung Chemnitzstraße und Virchowstraße. Dort steht eine kleine, improvisierte Hütte. Wer Gegenstände hat, die er nicht braucht, die aber brauchbar sind (etwa Kleidung in der falschen Größe oder Isomatten), kann sie dort ablegen. Sie können dann von jedem einfach mitgenommen werden. Diese Hütte dient inzwischen auch als Schwarzes Brett für eine Bandbreite an Angeboten und Anliegen.
Weitere Möglichkeiten, sich zu beteiligen, findet man bei sozialen Netzwerken und gemeinnützigen Organisationen wie Kirchen, Diakonien und anderen Trägern. Die Christuskirche Othmarschen startet regelmäßig Spendenaufrufe für verschiedene Zwecke. Auf der Seite nebenan.de finden sich ebenfalls häufig solche Spendenaufrufe.
Klar ist, dass es weiterhin groß angelegte Projekte aus der Politik und auch solche von allgemeinnützigen Organisationen braucht. Es gibt aber immer irgendwo im eigenen Umfeld die Möglichkeit, sich zu beteiligen. Auch wir als SchülerInnen müssen nicht immer viel Zeit oder Geld investieren, um etwas Positives zu bewirken. Das zeigen nicht nur die genannten, sondern auch zahllose weitere Projekte und Initiativen.
Die wichtigsten drei Dinge, auf die man im persönlichen Kontakt mit obdachlosen Menschen achten sollte, sind: Keine falsche Scheu zeigen, auch auf die eigenen Bedürfnisse Rücksicht nehmen und den Betroffenen stets mit Respekt begegnen.
Foto: Ralf Steinberger, „Home, sweet home“; Link zum Bild auf flickr.com; lizensiert unter CC BY 2.0 (Credit the creator).
Obdachlosigkeit in Hamburg
Auch Justus (S2) war mit dem PGW-Kurs von Frau Niemeyer auf der Exkursion zu einer Obdachlosenunterkunft. Er hat einen eigenen Blick auf das Thema Obdachlosigkeit.
Ein Gastbeitrag von Justus (S2)
Obwohl sie von den meisten Vorbeigehenden erfahrungsgemäß ignoriert werden, prägen Obdachlose die Stadtbilder deutscher Großstädte wie Berlin, Frankfurt und Hamburg. Wir alle kennen kaum Bahnhöfe und belebte Straßen ohne sie. Doch setzen wir uns, vielleicht gerade weil wir Obdachlosigkeit schon unser Leben lang wahrnehmen, nicht wirklich mit dieser Lebensrealität auseinander.
In Deutschland hatten laut dem ersten Wohnungslosenbericht der Bundesregierung – dem ersten überhaupt – 263.000 Menschen Anfang 2022 kein festes Obdach. Diese werden in drei Gruppen unterschieden: 178.000 Menschen nehmen Wohnungsnotfallhilfe in Anspruch; 49.000 Menschen sind verdeckt wohnungslos, sie wohnen bei Freunden oder Verwandten, und tatsächlich auf der Straße oder in Behelfsunterkünften leben 37.000 Menschen. Hamburg ist mit knapp 19.000 wohnungslosen Menschen und einer sich daraus ergebenden Wohnungslosenquote von eins zu knapp 100 die am stärksten von Obdachlosigkeit betroffene deutsche Stadt. Die Hälfte der Betroffenen ist unter 25 Jahren. Ursache ist zum einen der Wohnungsmarkt, der durch steigende Mieten und mangelnde Sozialwohnungen die Verfügbarkeit an bezahlbarem Wohnraum stark schrumpfen lässt – aufgrund von Mietpreiserhöhungen, folgen Zwangsräumungen, die zu einem Verlust des Obdachs führen. In Hamburg lag die Anzahl an Zwangsräumungen 2022 bei über 900. Zum anderen lässt der Drogenkonsum die Zahl der Suchtkranken in Hamburg in die Höhe schießen; Häufig zu Obdachlosigkeit führen Alkohol, Heroin, Kokain und Crystal Meth. Nach einer europaweiten Abwasseruntersuchung März 2022 hat der Konsum Kokains und Crystal Meths in Hamburg im Vergleich zur vorherigen Untersuchung 2017 stark zugenommen. Dazu kommt der weitverbreitete Alkoholkonsum in Deutschland. Ein weiterer Aspekt, der eine wichtige Rolle für Obdachlosigkeit in Hamburg spielt, ist die hohe Arbeitslosenquote von 7,3 Prozent – Die Arbeitslosenquote in ganz Deutschland beträgt vergleichsweise „nur“ 5,7 Prozent. Auch kann Obdachlosigkeit durch unterschiedliche Formen von Missbrauch verursacht werden. Dies ist der Fall, wenn Missbrauchsopfer ihrer Situation und damit ihrem Haushalt entfliehen. Trotz der hohen Obdachlosigkeit findet sich in der Stadt viel obdachlosenfeindliche Architektur. Armlehnen in der Mitte von Bänken, laute Musik in U-Bahnhöfen oder blaues Licht unter S-Bahnbrücken – Maßnahmen, um auf der Straße lebenden Personen den Aufenthalt und das Übernachten an öffentlichen Orten zu erschweren, sind gezielte unmittelbare Diskriminierung Obdachloser.
Zeitgleich werden in Hamburg auch viele Hilfsangebote bereitgestellt – leider zu selten von der Seite der Stadt; In Hamburg befinden sich vier Drogenkonsumräume, in denen unter Aufsicht harte Drogen konsumiert werden können. Dieses Angebot sorgt, indem steriles Drogenbesteck zur Verfügung gestellt wird, für einen hygienischen Konsum und somit ein geringeres Risiko an einer durch Körperflüssigkeiten übertragbaren Krankheit, wie Hepatitis, zu erkranken. Außerdem ist im Falle einer Überdosis schnell medizinisches Fachpersonal vor Ort. Die Drogenkonsumräume befinden sich an Konsum „Hot Spots“, in St. Georg, Altona, Harburg und in der Nähe des Hauptbahnhofs.
Der „Kältebus“ kann in Hamburg gerufen werden, um Hilfsbedürftige in eine Einrichtung des Winterprogramms zu bringen. Er ist von November bis April jede Nacht von 19 bis 24 Uhr im Einsatz und kann unter der folgenden Nummer erreicht werden: 0151/65 68 33 68. Der Hamburger „Duschbus“ ist ein ausrangierter Linienbus, der an drei unterschiedlichen Standorten Obdachlosen die Möglichkeit einer Duschkabine sowie Waschbecken bietet. Zudem gibt es in Hamburg mehrere Essensausgaben, an denen kostenloses warmes Essen an Bedürftige verteilt wird. Die „Bahnhofsmission“ unterstützt Wohnungslose, indem sie Gespräche anbietet und an spezialisierte Einrichtungen vermittelt.
Hilfseinrichtungen sorgen zwar für eine Unterstützung und bessere Lebensqualität Obdachloser, bekämpfen jedoch unzureichend die Ursachen. Da diese so vielschichtig sind, braucht es große politische Veränderungen, um ihnen Einhalt zu gebieten. Die Europäische Union hat sich das Ziel gesetzt, Obdachlosigkeit bis 2030 zu beenden – ob dies jedoch umgesetzt wird, ist fraglich.
Foto: Huntersmith7, „Brighton, Castle Square, homlessness – tents, 2019“; Link zum Bild via Wikimedia Commons; lizensiert unter CC BY-SA 4.0 (Credit the creator, Share adaptations under the same terms).
Im Inneren des Kaninchenbaus
Interview: Laura Bachmann (10b), Liv Portner (10b), Jasper Strey (8b)Foto: Laura Bachmann
Nach längerem Hin-und -Her haben wir Ende des vergangenen Halbjahres unseren neuen Schulleiter begrüßen dürfen. Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs ist Thomas Weiss gerade seit drei Wochen als unser Schulleiter im Amt. Die GO-Public hat ihn zu Hause besucht und mit ihm über seine Pläne für das GO, seine Aufgabe als Schulleiter und seine Kaninchen gesprochen.
Thomas Weiss empfängt uns herzlich in seinem Haus, nahe der Schule. Seine Frau stellt sich kurz vor und verschwindet dann schnell. Das Wohnzimmer ist hell und modern eingerichtet. Im IKEA-Stil mit persönlichen Akzenten. Auffällig sind die vielen Fotografien und Gemälde im Wohnzimmer. Vor dem Sofa eine PlayStation – er erzählt uns, dass er mit seinen vier Kindern gerne daran spielt. Thomas Weiss ist Familienmensch, zur Familie gehören auch die drei Kaninchen – die eigentlichen Stars dieses Interviews – und zahlreiche Fische. Wir setzen uns zusammen an den Wohnzimmertisch und beginnen mit dem Interview.
GO-Public: Wie gefällt Ihnen Ihr neues Büro?
Thomas Weiss: Das Büro ist ganz herrlich: Man hat nette Leute um sich herum und das Büro selbst ist schön eingerichtet.
Sie leiten das GO jetzt seit einigen Monaten. Wie ist Ihr Eindruck?
Ich wurde ganz herzlich aufgenommen. Die Aufgaben gefallen mir – ich habe mir das ja auch ausgesucht und ich glaube, ich kann auch etwas mitbringen. Ich freue mich sehr auf die kommende Arbeit, auch auf die vielen Herausforderungen. Ich sehe da ganz viele Möglichkeiten, tätig zu werden.
Sie waren ja zuvor am Gymnasium Lerchenfeld. Warum sind Sie nun ausgerechnet ans GO gewechselt?
Das GO ist eine tolle Mischung. Es gibt hier eine fundierte, fachliche Vielfalt, ein Angebot, das euch, die Schülerinnen und Schüler, abholt und auch sieht. Sei es das Landschulheim auf Föhr oder das Musical, aber auch, dass wir eine Mathenacht gemacht haben. Diese Mischung, diese tiefe Allgemeinbildung, das ist schon ein Wert an sich. Die Schule schafft es, lokal gebunden und verbunden zu sein, verwurzelt in Othmarschen und trotzdem gibt es so ein internationales Klientel. Es wird multikulturell im besten Sinne gedacht.
Was genau macht unsere Schule multikulturell?
Multikulturalität kann erstmal bedeuten, dass alles nebeneinander herläuft. Das tut es für mein Verständnis aber nicht. Man toleriert sich nicht nur, sondern akzeptiert sich. Es funktioniert miteinander. Es ist so eine warme, gute, zugewandte Atmosphäre da. Die ist fürs Lernen ideal, macht aber auch einfach Freude.
Und wie wollen Sie diese bei uns fördern?
Das ist nicht einfach. Erstmal würde ich denken, man braucht eine gute Organisation, um diese Vielfalt nicht zur Belastung werden zu lassen; das kann ja auch ein gegenseitiges Verdrängen sein – das darf nun wirklich nicht passieren. Wenn man den Lehrerinnen und Lehrern und Schülerinnen und Schülern Freiräume gewährt und ihre Leidenschaften unterstützt und das gut organisiert, dann kommt etwas raus, was viele anspricht und gleichzeitig auch fachlich fundiert ist. Es geht nicht nur um „Wir sind bunt“: Man muss immer auch gucken, wie passt es zusammen – und da sehe ich auch meine Aufgabe.
Jede:r Schulleiter:in hat einmal als Lehrer:in angefangen. Warum haben Sie sich entschlossen, Schulleiter zu werden?
An meiner alten Schule war ich ja stellvertretender Schulleiter. Das ganze Organisieren und Planen macht mir große Freude. Mit der Zeit habe ich immer mehr festgestellt, wie gerne ich Schulentwicklung betreibe. Dieses Gefühl hat dann dazu geführt, dass ich gesagt habe „Ich möchte Schulleiter werden“. Diese Entscheidung ist schon etwas früher gefallen, also bevor das GO einen Schulleiter oder eine Schulleiterin suchte; es passte aber ziemlich gut zusammen. Das war ein Glücksfall!
Es freut uns natürlich sehr, dass Ihnen unsere Schule und Gemeinschaft gefallen. Trotzdem gibt es sicher auch etwas, was Sie verändern wollen.
Die Coronapandemie hat unsere Schule sehr belastet. Dazu kommen in den letzten Jahren ja doch auch mehrere Wechsel in der Leitung. Die gute Atmosphäre ist zwar da, aber man merkt, dass sie belastet worden ist. Mein erstes Ziel ist es, dass diese Gemeinschaft wieder Kraft schöpft und wieder enger zusammenrückt. Außerdem kümmere ich mich um den Leitbildprozess.
Was heißt das genau?
Es ist wichtig, dass wir gucken, was ist das GO und wofür steht es? Wofür wollen wir als Gemeinschaft eintreten? Was ist nicht mehr so up-to-date? Den Leitbildprozess möchte ich gerne starten und durch meine Tätigkeit unterstützen, sodass erstmal alle näher zusammenrücken.
Ich möchte da sehr viel Energie reinstecken, das ist ein wichtiges Fundament der Schule.
Ich finde Feedback auch ganz großartig. Das wäre so eine der ersten Sachen, dass man Umfragen macht. Mit diesem Wissen kann man die Schule dann auch in eine Richtung bringen, die für die Gemeinschaft sinnvoll ist.
Hier wird das Interview kurz unterbrochen. Während wir Fotos aufnehmen, hoppeln zwei Kaninchen in den Raum. Thomas Weiss erklärt uns die selbstgebaute „Kaninchenklappe“ in der Terrassentür und stellt uns die beiden vor: „Sie sind schon ein süßer Haufen“.
Ein ganz aktuelles Thema unserer Zeit: Inwiefern wollen Sie die Digitalisierung an unserer Schule voranbringen?
Ich glaube, einfach durch meine Erfahrung an verschiedenen Schulen trage ich zu dem Thema in der einen oder anderen Weise bei. Digitalisierung braucht Zeit. Aber ich glaube, dass das auch ein Thema ist, das sehr positive Effekte haben kann, wenn es richtig angeht.
Wichtig ist aber auch: Medien sollten als Angebot wahrgenommen werden. Ich sehe das nicht als die eine Antwort auf Lernfragen. Ich glaube, Medienvielfalt ist wichtig. Die Kombination von klassischen und neuen Medien ist eine Bereicherung. Digitale Medien sollten sich da organisch integrieren.
Was bedeutet das für die verschiedenen Klassenstufen?
Meines Erachtens wird es eine Herausforderung, dass ihr Schülerinnen und Schüler mit zunehmendem Alter ganz viel Eigenständigkeit im Bereich digitaler Medien kriegen solltet. Bei Fünft- und Sechstklässlern ist es vielleicht noch gut, wenn man sagt: „Jetzt nehmt ihr euer Heft“ und „jetzt nehmt ihr bitte zur Recherche mal das Tablet“. Ich glaube, dass es in der Oberstufe genauso gut und richtig ist zu sagen: Ihr überlegt selbst. Ist das gerade gut, ins Heft zu schreiben oder mache ich das in der Word-Datei oder machen wir eine Kleingruppenaktion. Ich halte das für so wichtig, weil ihr ja medienkompetent werden sollt. Das funktioniert aber nur, wenn ihr das auch dürft.
Das heißt, dass ihr mit der Zeit, so ab Jahrgang acht, neun, zehn, mehr und mehr auch selbst Erfahrungen sammelt. Und Medienkompetenz bedeutet natürlich auch, dass man mal schaut, was ist außerhalb des Unterrichts. Was gibt es da an Chancen wahrzunehmen? Da gibt es ja ganz tolle Dinge: selber Filme drehen oder Radiopodcasts machen.
Das heißt ganz konkret?
Das GO sollte Technik bereitzustellen und in allen Räumen digitale Projektionsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen. Wir haben ja auch eine ganze Menge Computer, Notebooks und Tablets – aktuell zur Ausleihe und zum Verwenden in einzelnen Unterrichtstunden. Für die Zukunft stelle ich mir vor, dass jeder Schüler neben seinem Buch und einem Heft auch irgendwo ein Tablet liegen hat.
Wie wichtig ist Ihnen Selbstständigkeit der Schüler:innen?
Ich bin ein ganz großer Fan davon, Schülerinnen und Schüler in echte Verantwortung zu bringen. Nicht nur wir-tun-mal-so-als-ob, sondern so richtig. Das Technik-Team beispielsweise: Wenn beim Musical das Licht nicht richtig ist, ist das Team auch verantwortlich. Wenn in der Lehrerkonferenz das Mikrofon gebraucht wird und nicht funktioniert, sind sie auch verantwortlich. Das führt aber auch zu ganz viel Engagement.
Solche Einrichtungen wollen Sie also stärker fördern?
Genau. Da gibt es ganz viele Möglichkeiten. Man könnte zum Beispiel einen Bucheinschlagservice für die Lernbücher aufbauen, eine Schülerfirma, die verschiedene Dinge verkauft. Die Schülervertretung hat mit mir darüber gesprochen, dass ein Schulsanitätsdienst gegründet werden könnte, der für alle möglichen Notfälle gerufen werden kann. Das sind Schülerinnen und Schüler, die dann als Sanitäter:innen für kleinere und größere Notfälle zuständig sind.
Uns ist allerdings aufgefallen, dass viele solcher Angebote, gerade AGs – wie die Schüler:innenzeitung –, kaum wahrgenommen werden. Dass so etwas angeboten wird, ist ja eine Sache, aber wie wollen Sie diese Strukturen populär machen?
Da muss man, glaube ich, unterscheiden. Die älteren Schülerinnen und Schüler haben durch den größeren Umfang an Unterrichtsstunden natürlich schon eine ganze Menge zu tun und von daher finde ich das absolut legitim, wenn sie sich lieber auf das Abitur oder die Überprüfung im Jahrgang 10 fokussieren.
Es gibt aber sicherlich auch Schüler:innen, die so etwas eigentlich gerne wahrnehmen würden.
Ich glaube, das ist auch wieder eine Frage des Feedbacks, dass wir fragen nach: Was wollt ihr gerne machen? Was wäre etwas für euch? Um zu wissen: Wo würde so ein Kurs zustande kommen?
Nachdem wieder einige Kaninchen hineingekommen sind, stellt Thomas Weiss die Prognose auf, die Kaninchen würden das Interview letztlich dominieren.
Das zweite ist Werbung und das Informieren über die Angebote. Ich sehe, dass ihr etwas anders kommuniziert, auf anderen Wegen, als wir Erwachsene. Also könnte man einen Kanal auf einem sozialen Medium einrichten.
Ein zentrales Anliegen unserer Generation ist der Klimaschutz. Es gibt die Umwelt-AG und mit Malte Renius einen Umweltbeauftragten im Lehrer:innenkollegium. Unsere Schule will sich als Klima- beziehungsweise Umweltschule bewerben. Mit welchen Maßnahmen wollen Sie das umsetzen?
Ich glaube, es wäre völlig unvernünftig, dieses Thema nicht in den Fokus zu nehmen. Die gute Nachricht: Es ist auch ein tolles Unterrichtsthema, da es verschiedene Fächer verbindet. Weil es ganz unterschiedliche Perspektiven auf die Welt, aber auch auf uns selbst ermöglicht. Daher ist es eine traurige Herausforderung, weil die Situation brenzlig ist. Aber es ist auch eine wunderbare Herausforderung, da man alle möglichen wissenschaftlichen und menschlichen Dinge zusammenbringen kann.
Einiges könnte man da vom Gymnasium Lerchenfeld übernehmen. Man könnte zum Beispiel die Mülltrennung voranbringen und Umweltbeauftragte in jeder Klasse und jedem Profil machen, dazu passend einen Umweltrat und diesen mit dem Schülerrat in Kooperation bringen. Sehr schön fand ich auch den Umweltprojekttag, der das Thema für mein Verständnis nochmal sehr deutlich auf den Tisch bringt und für alle verständlich macht. Bisher kann ich allerdings noch nicht sagen, was sich davon genau umsetzen lässt.
Was macht eine:n gute:n Schulleiter:in aus?
Für mich ist ein guter Schulleiter, eine gute Schulleiterin zugewandt, entspannt, wenn es kritisch wird und versucht faire Lösungen zu finden. Er oder sie muss aber auch mal richtig deutlich „Nein“ sagen können. Er oder sie sollte unbedingt kritikfähig, ehrlich und offen sein – das ist für das GO besonders wichtig, weil daher auch diese gute Atmosphäre rührt. Außerdem gehört es zu einem guten Schulleiter oder einer guten Schulleiterin, sachkundig zu sein, Ahnung von Schule und Unterricht zu haben.
Wir haben in den vergangenen fünf Jahren unserer Schulzeit drei verschiedene Schulleiter:innen –Herrn Jany mitgerechnet – kennengelernt, die uns unterschiedlich begegnet sind. Wie stellen Sie sich die Zusammenarbeit mit uns Schüler:innen vor?
Ich wünsche mir eine enge, vertraute und vertrauliche Zusammenarbeit, eine sehr fröhliche, bei der es um die Sache geht, man aber auch lachen kann. Einfach weil man Freude am Prozess hat. Ich möchte versuchen, die richtigen Fragen zu stellen und möchte die unterschiedlichen Stimmen wahrnehmen, die da sind. Ich sehe meine Rolle im Ermöglichen, Lenken und Bahnen bereiten.
Wie verbringen Sie am liebsten Ihre Freizeit, außer mit ihren Haustieren – den Hasen und Fischen –, von denen haben wir ja schon viel gesehen und gehört haben?
Auch wenn meine Haustiere hier sehr präsent sind, steht meine Familie auf Platz eins. Ich mache ganz viel mit meiner Familie, wann immer ich Freizeit habe. Wir sind ein gutes Team, haben viel Freude miteinander. Wir gucken alle gerne Filme, lesen Bücher, wir machen Sport, ich würde uns mal als Reisefamilie bezeichnen, fahren in die Berge, die europäischen Hauptstädte – das macht mich und uns auch aus.
Sie unterrichten neben Mathematik auch Informatik. Expertenfrage: Playstation oder Xbox?
Eigentlich ist mir ein PC immer noch am liebsten.
Zu wyld!
Trotz Corona, Homeschooling und anderen Problemen sprechen Jugendliche immer noch miteinander und so haben sich auch in diesem Jahr wieder ein paar Jugendwörter angesammelt. Zehn Wörter konnten öffentlich eingereicht werden, um anschließend vom Langenscheidt-Verlag als Jugendwörter des Jahres nominiert zu werden. Jedoch weiß nicht jeder, was diese Wörter überhaupt bedeuten und woher sie kommen; also haben wir sie hier einmal für euch erklärt.
Vielen Dank an die Klassen 5b und 5d, dass ihr zusammen mit Herrn Stützer die Illustrationen zu den Wörtern produziert habt.
wyld
Normalerweise drückt wyld positive Emotionen aus. Seine Bedeutung hängt jedoch stark vom Kontext ab. Neben Überraschung oder Bewunderung kann das Wort auch als Zeichen von Betroffenheit verwendet werden – zum Beispiel an Stelle von „Wie heftig!“. Die Steigerungsform ist zu wyld.
Geringverdiener
Geringverdiener ist ein scherzhafter Ausdruck für Verlierer, der meistens aus dem Kontext gerissen wird. Der Begriff bezeichnet eigentlich Personen mit geringem Einkommen, weshalb das Jugendwort ziemlich respektlos gegenüber Menschen ist, die wenig Geld verdienen.
cringe
Aus dem Englischen übersetzt bedeutet das Jugendwort cringe „zusammenzucken“ oder „erschaudern“. Wenn man cringed, empfindet man Fremdscham und erschaudert sozusagen vor dem eigenen inneren Auge.
Cringe ist ein Adjektiv. Wer's anders verwendet, ist cringe.
sheesh
Der Ausruf sheesh wird im Alltag als Zeichen des Erstaunens benutzt. Sheesh darf nicht im ganzen Satz gebraucht werden, sondern steht immer für sich allein: als Reaktion auf eine schockierende Aussage oder auf ein erstaunliches Ereignis.
papatastisch
Das Wort stammt von der Community des Twitch-Streamers und Youtubers „Papaplatte“. Papatastisch bedeutet so viel wie fantastisch oder super. Als die Fanbase des Streamers hörte, dass das Wort papatasisch es in die engere Auswahl der Jugendwörter geschafft hat, haben viele Papaplatte-Zuschauer für das Wort gestimmt, obwohl es kaum benutzt wird.
same
Same ist ebenfalls ein Begriff aus dem Englischen und heißt wörtlich übersetzt: gleich. Der Ausdruck ,,same“ wird in der Jugendsprache benutzt, wenn man einer Person oder Aussage Zustimmung schenkt und sich damit identifizieren kann.
Cool? Ist schon lange kein Jugendwort mehr.
akkurat
Akkurat wird meist als eine ziemlich ironische Zustimmung benutzt, wenn eine Aussage genau zutrifft. Eigentlich ist akkurat ein Begriff aus der Alltagssprache, der „sorgfältig“ und „ordentlich“ bedeutet und eher selten benutzt wird. Weil etliche Influencer:innen diesen Begriff verwenden, ist er mittlerweile viel populärer geworden.
sus
Das Wort sus kommt aus dem Englischen und ist die Kurzform von ,,suspicious“ (verdächtig oder suspekt) und wurde vor allem durch das Multiplayer-Spiel ,,Among Us“ bekannt. Suswird benutzt, wenn man einer Person misstraut oder die Zweideutigkeit einer Aussage betonen möchte.
Digga/Diggah
Diggah/Digga ist eine umgangssprachliche Abwandlung des Wortes ,,Dicker“ und wird meist für einen Freund oder Kumpel benutzt. Der Ausdruck wird jedoch schon seit den 1990er Jahren von Jugendlichen benutzt und kann mittlerweile nicht mehr wirklich als Jugendwort gelten. Trotzdem hört man es ununterbrochen auf dem Pausenhof und in der Klasse.
Ist nice nicer als geil?
Mittwoch
Mittwoch ist ein inoffizieller Feiertag des Internets mit dem Wahlspruch: „Es ist Mittwoch, meine Kerle!“ oder im Original aus dem Amerikanischen ,,It´s Wednesday my dudes!“. Bekannt wurde dieser Ausruf durch das Mittwoch-Meme: Dort sitzen mehrere Frösche an einem Lagerfeuer und nicken mit dem Kopf; auf einmal ertönt eine Stimme und ruft: „It´s Wednesday my dudes!“ (https://www.youtube.com/watch?v=PE8GlPpuLuY). Einen wirklichen Grund, gerade den Mittwoch zu zelebrieren, gibt es nicht, aber wahrscheinlich ist genau dies Grund genug.
Das ewige Mitgemeintsein
Text und Foto: Liv Portner
Ob Sternchen, Bindestrich oder Doppelpunkt: Ideen, unsere Sprache geschlechtergerecht zu gestalten, gibt es viele. Aber nicht alle sind von dieser Änderung überzeugt. Warum es dennoch absolut notwendig ist, die Sprache der Realität anzupassen, erklärt euch die GO-Public.
Wenn wir sprechen, dann nutzen wir das generische Maskulinum; wir sagen „Der Lehrer ist für seine Schüler verantwortlich“ oder „Der Kunde ist König“. Wir sprechen in der männlichen Form. Frauen? Sind nur mitgemeint. Das ist so tief in der deutschen Sprache verankert, dass jeglicher Vorschlag, die Sprache gendergerecht zu gestalten, auf heftigen Widerstand stößt. Die Debatte ist kontrovers und oft sehr emotional – schon seit den Anfängen der feministischen Linguistik.
Zum ersten Mal wurden Frauen in den 1960er Jahren im Rahmen der zweiten Welle des Feminismus‘ mit Hilfe des Schrägstrichs ebenfalls explizit erwähnt. Von nun an waren die Lehrer also Lehrer/innen. Aber schon damals traf diese Veränderung nicht nur auf Zustimmung. Auch in den eigenen Reihen wurde heftig diskutiert. Der Vorwurf: Die neue Form gehe noch nicht weit genug, denn Frauen seien wieder lediglich ein Anhängsel.
In den späten 1970er Jahren erlebte die Idee von inklusiver Sprache dann einen enormen Aufschwung. In dieser Zeit wurden verschiedene Richtlinien von Institution verfasst. Im universitären Milieu fand die geschlechtergerechte Sprache zwar Anklang. Doch Mainstream war sie noch lange nicht.
Der Bindestrich ist jedoch nur eine von vielen Varianten: Neben der vom Journalisten Christoph Busch erfundenen Binnen-I-Variante (LehrerInnen) wird auch die Gender-Gap Variante (Lehrer_innen) genutzt. Doch auch bei diesen Formen wird die mangelnde Inklusion kritisiert. Das Binnen-I schließe Personen aus, die sich weder als weiblich noch als männlich identifizieren. Der Unterstrich lässt Platz für nicht-binäre Personen, gilt aber als zu sperrig. Der Bindestrich wurde vor allen Dingen in LGBTQIA+-Kreisen verwendet, setzte sich aber nie wirklich durch.
Die wohl bekannteste und somit auch am kontroversesten diskutierte Variante ist der Genderstern. Dieser stammt ursprünglich aus der Sprache der Computer. Dort wurde er genutzt als Platzhalter für eine beliebige Zeichenkette. Der Vorteil ist, dass alle geschlechtlichen Identitäten miteingeschlossen werden. Das Sternchen fungiert als Ausrufezeichen und sagt: „Vorsicht, jetzt wird gegendert!“
Die neueste Version ist der immer beliebter werdende Doppelpunkt. Dieser wird von den Leser:innen als kurze Pause gelesen. Unsere Redaktion hat sich ebenfalls für diese Schreibweise entschieden. Computer können den Doppelpunkt als kurze Pause lesen und wir schätzen den Doppelpunkt für seine unauffällige, aber anschauliche Art, unsere Sprache geschlechtergerecht zu gestalten.
Trotzdem: Egal mit Hilfe welches Satzzeichens gegendert wird, auch im Jahr 2022 trifft die geschlechtsneutrale Sprache auf großen Widerstand. Warum?
Sprache ist in unserem Leben so allgegenwärtig und wichtig, dass es sich für viele zunächst möglicherweise merkwürdig anfühlt, in diesem doch so wichtigen Bereich ihrer persönlichen Freiheit „eingeschränkt“ zu sein. Wobei Einschränkung hier irreführend wirken kann: Ist es nicht vielmehr eine Veränderung oder Erweiterung als eine Einschränkung? Und gerade weil Sprache ein so wichtiger Teil unseres Lebens ist und unser Denken massiv beeinflusst, ist es so wichtig, auch hier eine Gleichberechtigung zu erreichen. Juristisch sind Frauen und Männer gleichberechtigt, aber in Wirklichkeit sind sie das noch lange nicht. (Zum Mitschreiben hier ein paar Stichworte: Bezahlung, medizinische Diagnosen und Medikamente, Gender Data Gap, Tampon-Steuer – um nur einige Bespiele zu nennen). Kurz gesagt: Der Cis Mann ist in vielen Lebensbereichen immer noch der Standard, das macht sich eben auch in der Sprache bemerkbar. Diese Muster müssen unbedingt gebrochen werden. Auch in der Sprache, denn sie manifestiert Ungerechtigkeiten. Mit dem Gendern gibt es eine Möglichkeit, Menschen dazu zu bringen, ein Bewusstsein für diese Diskriminierung zu entwickeln, was uns zwar einige Mühe kosten wird, aber unbedingt notwendig ist. Denn Frauen (und andere nicht männliche Geschlechtsidentitäten) sollen eben nicht nur mitgemeint sein.















