Titelbild: "Free the refugees - Refugee Rights Protest at Broadmeadows, Melbourne" by John Englart (Takver) is licensed under CC BY-SA 2.0.
Ein Text von Maya (9c)
„Schon wieder ein neuer Angriff. Zwei Menschen sind gestorben; einer war sogar noch ein Kind. Wir müssen unser Land vor den ganzen Attacken beschützen. Wir Deutschen haben ein Recht auf gute Krankenversorgung, Sicherheit, eine funktionierende Wirtschaft. Doch wir haben nicht genug Geld dafür, denn das ganze Geld wird in die Migrant*innen gesteckt. In diese Leute, die uns angreifen, unser Land unsicher machen. Ich habe Angst, mein Kind alleine zur Schule zu schicken, da ich weiß, dass auf dem Schulweg ein Afghane wohnt. Was, wenn er auch angreift, wegen seiner religiösen Überzeugung? Ich bin nicht rechts, nein, aber ich möchte keine Angst haben, ich möchte ein sicheres Land und darum müssen wir abschieben. Deutschland hat nicht genug Platz und Ressourcen, um so viele Menschen aufzunehmen, die so aufgewachsen sind, dass sie nur ihre eigene Religion akzeptieren und uns gefährden. Wir müssen die Grenzen schließen und uns erst einmal um uns selbst kümmern, bevor wir das für andere tun.“
~“Zitat“ ausgedacht
„Jeden zweiten Tag versucht ein deutscher Mann, seine Freundin oder Exfreundin umzubringen. An jedem dritten bis vierten Tag gelingt es. Dies belegen viele Studien – wieso schieben wir also nicht einfach ab? Wenn alle Männer aus Deutschland raus wären, würden sehr viel weniger Frauen sterben. Das wäre ja genauso wie mit den Ausländer*innen. All die, die Deutschland gefährden, müssen raus. Und wenn wir auch alle deutschen Kriminellen einfach aus Deutschland abschieben würden, würden wir sogar noch mehr erreichen, denn obwohl Verbrechen von Ausländern 11-mal mehr in den Medien vorkommen, werden mehr als doppelt so viele Verbrechen von Deutschen begangen.“
~ „Zitat“ ausgedacht
Zwei Aussagen, beide mit der gleichen Argumentation. Und doch wirkt die eine ganz alltäglich, und die andere wie kompletter Unsinn. Doch im Kern wollen beide das Gleiche: Menschengruppen abschieben.
Früher wurden die USA als ein Land, das Chancen bietet, gesehen und viele Menschen sind dahin geflüchtet. Heute sind die USA seit vielen Jahren die größte Wirtschaftsmacht der Welt. Viele kamen nach Deutschland und erwarteten, eine Chance zu bekommen. Wenn wir die Grenzen schließen, werden viele keine Möglichkeit bekommen; keine Chance auf Essen, auf Sicherheit, auf Leben. Und das ist unsere Schuld.
Immer mehr Leute wollen abschieben, immer mehr wollen, dass Deutschland keine Flüchtlinge reinlässt, Ausländerhetze wird immer größer und Populismus gewinnt immens an Unterstützung in der ganzen Welt, sowie hier in Deutschland, wo rechtsextreme Parteien wie die AfD, die bei der letzten Bundestagswahl ihr Ergebnis etwa verdoppelte, immer beliebter werden.
Aber hast Du schon mal einer Geschichte, die anders als deine ist, zugehört? Hast dir schon mal die Zeit genommen, Geflüchtete nach ihren Erlebnissen zu fragen? Wenn Du gerne von einer anderen Quelle als der AfD etwas über Migration lernen willst, ist hier ein Text von Agab, der selbst vor 10 Jahren mit damals etwa 17 Jahren nach Deutschland geflüchtet ist.
Wie und wieso bin ich nach Deutschland geflüchtet?
Am 3. August 2014 hat die religiöse Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) unsere Stadt Shingal während eines jährlich stattfindenden Festes überfallen. Shingal liegt im Nordirak und ist die Heimat der meisten Jesid*innen. Wir mussten sofort fliehen und hatten keine Zeit, etwas zu packen – es ging um Minuten. Zwei Stunden nachdem wir die Stadt verlassen hatten, war sie komplett unter Kontrolle der IS-Kämpfer. Wer es nicht rechtzeitig geschafft hatte, wurde brutal aussortiert: Ältere und Kranke wurden ermordet, Frauen und Mädchen verschleppt, vergewaltigt und auf Märkten in anderen Ländern verkauft. Jungen wurden ihren Familien entrissen und zu Kindersoldaten gemacht. Zehntausende Menschen überlebten nicht. (Du kannst über das jesidische Dorf Kocho nachlesen, um mehr darüber zu erfahren.) Das war meine erste Flucht innerhalb meines Heimatlandes, in die Region Kurdistan im Irak. Ein halbes Jahr später, im März 2015, machte ich mich auf den Weg nach Deutschland.
Ich habe eine Schwester, einen Bruder und meine Mutter (mein Vater ist verstorben). Als ich den Irak verließ, war ich erst 17 Jahre alt. Für Iraker*innen gibt es grundsätzlich keine legalen Möglichkeiten, nach Europa zu reisen. Ich hatte keine offiziellen Dokumente, um legal über die Türkei einzureisen. Also bin ich mit einer Gruppe zu Fuß über die Grenze gelaufen. Nach acht Stunden erreichten wir die Türkei und fuhren über 24 Stunden mit einem Bus nach Istanbul – meine allererste Busfahrt überhaupt, denn in meiner Stadt gab es keine öffentlichen Verkehrsmittel, nur Autos und Fahrräder. In Istanbul fand ich meinen Onkel. Doch nur wenige Stunden später hieß es durch die Schleuser, wir müssten weiter nach Sofia (Bulgarien) laufen – angeblich nur drei Stunden. Tatsächlich liefen wir über 33 Stunden, zwei Nächte und einen Tag. In Sofia wurden wir mit zwanzig anderen Menschen in einem Kellerraum untergebracht, wo wir fünf Tage blieben. Danach liefen wir weiter nach Belgrad (Serbien). Erst von dort fuhren wir mit dem Auto weiter nach Wien. Mein Onkel hatte eine Beinverletzung, und wir saßen zu zweit versteckt unter den hinteren Sitzen, es war eng und beängstigend. In Wien blieben wir eine Nacht, dann ging es mit dem Zug weiter nach Hamburg. Unser eigentliches Ziel war Kiel, wo meine Tante wohnte. Nach einer weiteren Nacht in Hamburg kamen wir endlich in Kiel an.
Es war keine einfache Reise. Anfangs habe ich gebetet, dass wir keine Polizeikontrollen erleben. Später, als ich erschöpft, überfordert und voller Sehnsucht nach meiner Mutter war, habe ich gehofft, dass uns die Polizei festnimmt und in den Irak zurückschickt. Ich wollte und konnte nicht mehr. In den Jahren 2015/16 kamen viele Geflüchtete auf zwei Hauptwegen nach Europa: entweder – wie ich – zu Fuß über Bulgarien oder über das Mittelmeer nach Griechenland. Letzterer Weg war besonders gefährlich. Viele Menschen konnten nicht schwimmen, und die Boote waren oft instabil. Dementsprechend kamen auch viele Menschen ums Leben, weil sie nicht schwimmen konnten (leider auch 8 meiner Nachbarn sind im Mittelmeer ertrunken).
Ein weiteres Beispiel für eine Flucht übers Mittelmeer gibt es hier.
Was habe ich von Deutschland erwartet?
Ich war 17 Jahre alt, als ich in Deutschland ankam. Ich hatte mir keine konkreten Vorstellungen darüber gemacht, wie mein Leben hier aussehen würde. Ich wusste nicht, was es bedeutet, in einem neuen System zu leben, eine neue Sprache zu lernen oder ganz von vorne anzufangen. Ich dachte sogar, viele Menschen würden hier Kurdisch oder Arabisch sprechen. Ich habe also nichts erwartet – aber gehofft. Gehofft auf Frieden, Sicherheit und ein Leben ohne Krieg.
Was habe ich in Deutschland erlebt?
Mein erster Eindruck war positiv: volle Bahnhöfe, viele Züge, Autos auf den Straßen, funktionierende Ampeln, Radfahrer*innen – alles wirkte geordnet, sicher und bunt. Das hat mir Spaß gemacht. Doch in der Erstaufnahmeeinrichtung in Neumünster und später im Flüchtlingsheim im Schusterkrug (Kiel) war ich geschockt. Ich hatte gehofft, Deutschland kennenzulernen – stattdessen war ich umgeben von Menschen, die wie ich aus dem Irak, Syrien, Afghanistan oder dem Kosovo stammten. Ich wünschte mir, ein anderes Leben zu führen als das eines Flüchtlings in einem Heim. Dann lernte ich eine deutsche Familie kennen. Wir trafen uns in einer Kochgruppe. Die Familie hat vier verheiratete Kinder und acht Enkel. Als ich meinen Aufenthaltstitel erhielt, bin ich zu ihnen eingezogen. Ab diesem Moment begann für mich ein Leben zwischen zwei Kulturen ein großes Privileg. Ihre Kinder wurden wie meine Geschwister, ihre Enkelkinder wie meine Neffen und Nichten. Die Familie hat mir ein buntes, offenes Deutschland gezeigt, für das ich sehr dankbar bin. Trotz aller Schwierigkeiten habe ich meine Träume nicht aufgegeben. Schon als Kind hatte ich Ziele – aber ich hielt sie für unerreichbar. Heute, wenn ich zurückblicke, habe ich sie alle erreicht: Ich hatte Sehnsucht danach, lesen und schreiben zu können. Mit 18 Jahren bin ich in Deutschland zur Schule gegangen und habe das gelernt. Ich habe den Hauptschulabschluss, den Realschulabschluss, das Abitur und schließlich einen Bachelorabschluss geschafft. Ich träumte davon, eines Tages einen festen Job zu haben. Heute arbeite ich in der Landesverwaltung Schleswig-Holstein – und bin verbeamtet. Es hat dreieinhalb Jahre gedauert, bis ich in Kiel Freund*innen fand. Erst im Gymnasium lernte ich Menschen kennen, mit denen ich zusammen reisten, lernte und regelmäßig kochen. Durch diese Freundschaften wurde mein Deutschland noch schöner. Auch der Sport war wichtig für Integration: Seit sechs Jahren spiele ich Volleyball und trainiere montags meine Mannschaft (da unser Trainer nur donnerstags kann). Es macht mir riesigen Spaß, das Team zusammenzuhalten und gemeinsam besser zu werden. Ich liebe Deutschland und lebe gern hier. Unsere demokratischen Strukturen und das Grundgesetz sind das Fundament unserer Gesellschaft. Dafür setze ich mich jeden Tag ein. Deshalb erschreckt es mich, wenn große demokratische Parteien Migration als die „größte Krise“ des Landes darstellen – wie im Bundestagswahlkampf 2025. Das Hauptthema der Debatten war Migration. Aber eigentlich sollten wir über andere, viel dringendere Themen sprechen: unsere Wirtschaft, das Gesundheits- und Rentensystem, Bildung, Sicherheit, Klimaschutz und Frieden. All diese Bereiche brauchen dringend Reformen. Migration ist nicht das Problem – sie kann eine Chance für uns sein. Deutschland braucht neue Menschen mit Ideen in Forschung, Wissenschaft, Pflege, Bildung – überall. Wenn wir eine vielfältige, offene Gesellschaft bleiben, werden wir die Herausforderungen der Zukunft besser meistern als eine homogene/exklusive Gesellschaft. Ich wünsche mir bei der Debatte über Migration mehr Differenzierung und weniger Vereinfachung. Und vor allem mehr Menschlichkeit.
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